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Marina Rosenfeld

Text: Christian Scheib | 02.02.2000
Disconcertingly beautiful - Porträt der amerikanischen Künstlerin und Komponistin

Ich fürchte mich nicht davor, eine musikalische Linie zu formen, die einfach auf intuitive Weise schön ist, ganz im Gegenteil, genau das will ich. Das mag ein Abschied von großen Tabus der 60er und 70er Jahre sein. Aber ich liebe es, aus all diesen Geräuschen und Rhythmen etwas zu formen, das auf beunruhigende Weise schön ist.

Die 30jährige Amerikanerin - ausgebildet als Konzertpianistin und Komponistin - ist sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Musik eine mehr und mehr geachtete Künstlerin. Foto und Video sind ihre visuellen Medien, die Langspielplatte ihr bevorzugtes akustisches. Während der letzten Jahre produzierte sie dafür sorgfältig abgemischte, geräuschhafte Mehrspur-Tonbänder, diese Stücke werden dann auf Vinyl und Acetat gepresst und diese LPs wiederum bei den Live-Aufführungen als Abspielmedium, meist auf mehreren parallel laufenden Schallplattenspielern benutzt. Los Angeles und New York, ihre Wohnorte während der vergangenen Jahre, bieten ihr selbstverständlich die meisten Galerie- und Konzertauftritte.

Doch mehrmals hat es Marina Rosenfeld bisher aus künstlerischen Gründen auch nach Österreich verschlagen: Anfangs mit einigen Exponaten in der Wiener Galerie »Krinzinger«, und seither immer wieder der Musik wegen: Konzerte im Wiener »Echoraum« und »Flex« sowie beim »Musikprotokoll« im steirischen herbst. Im »Kunstraum Innsbruck« präsentierte sie kürzlich ihr Sheer Frost Orchestra, eine bespielbare, ironisch postfeministische Installation aus liegenden E-Gitarren, deren Saiten mit Nagellackfläschchen von Künstlerinnen zu traktieren sind.

Ihre erste CD ist in Wien erschienen, auf Christof Kurzmanns charhizma-Label, eine Platte der leisen, stillen, subtilen Veränderungen. »Ich arbeite mit reduziertem, sparsamen Klangmaterial. Da gibt's keine virtuosen elektronischen Stunt-Einlagen. Das Hantieren mit Schallplatten mag zwar auch ein komisches Element haben, im Innersten aber versuche ich mit einer gewissen Strenge einen kompositorischen Raum zu bauen, in dem man recht einfachen Einzelheiten lauschen kann, in dem die Musik zwischen den Möglichkeiten schwebt."

Fragment Operas

Der Kontext mag eine Galerie sein oder ein Musikfestival, Mayo Thomson von Red Crayola mag in Los Angeles der Partner sein, das »Flex« in Wien die Location und was es sonst noch an Heterogenem in Marina Rosenfelds Arbeiten aufzuspüren gibt; doch wenn man Marina Rosenfeld explizit nach Musikalischem fragt, sind die Antworten ästhetisch präzise und bewusst positioniert in musikalischer Tradition:

Gut strukturierte Situationen sind mir wichtig - und zugleich die Improvisation -, vielleicht in der Art, in der im Barock Stücke musiziert und ornamentiert wurden. So wie Thema und Variation, aber: es gibt kein Thema, nur Variationen. Von den »Fragment Operas« existieren dutzende Versionen, es könnten aber tausend sein; extrem verschieden voneinander und doch immer eine bestimmte »Fragment Opera«.

Das Problem variabler und doch Identität wahrender Form wurde in der Musik seit den 60er Jahren erforscht, seit den grafischen Partituren und experimentellen Spielformen. Damals waren Robert Rauschenberg und Alexander Calder für Musiker wie John Cage und Earle Brown die Anregung. Marina Rosenfeld mit ihren Arbeiten im optischen wie im klanglichen Bereich ist sich dieser Mechanismen bewusst. Bis heute versucht sie in Bild und Ton »formale Strukturen zu entwickeln, die offen, nicht-autoritär aber doch spezifisch und präzise sind«.
Da ihr die Fotographie in diesem Zusammenhang zur Zeit als zu unflexibel erscheint, konzentriert sie sich auf 3-D-Fotos, kleine bewegliche Arrangements, Videos und selbstverständlich die Musik.

Wie manche bildenden Künstler seit den 70er Jahren Probleme gelöst haben, hat mich sehr beeinflusst. Also wie man innerhalb stark kodifizierter Formen arbeitet; dass man dabei vielleicht doch noch über »das Erhabene« [the sublime] nachdenkt. Die Antworten der bildenden Künstler erschienen mir in den letzten Jahrzehnten oft interessanter als die der Musiker: also zur eigenen Kunst einen Zugang zu haben, der intelligent ist, irgendwie offen, frei, aber nicht ahistorisch.

Statisches Musizieren

Marina Rosenfelds Arbeiten sind oft mehr Szene, denn Konzert oder Installation. Vor dem Publikum ein sparsamer Bühnenaufbau: Einige Schallplattenspieler am Boden, einige Lautsprecher, ein raumfüllender weißer Papierstreifen als Videoprojektionsfläche für die »Fragment Operas«. Die Gattungsbezeichnung »Oper« steht in voller Ernsthaftigkeit und in voller Ironie vor den Zuhörern.

Die »Opern« sehe ich selbst mehr als eine Form von Orten, Bühnenorten - angeregt durch die abstrakten, sparsamen Videos -, denn als Objekte mit Zeitausdehnung. Mich fasziniert die ständige Bewegung, dass die Schallplatten einander überlagernd ineinander übergehen, dass die Videos nie stillstehen, wie jenes, wo man eigentlich nur sich bewegendes Licht sieht; und dass es daher nie eine definitive Version geben kann. Der Betrachter erzeugt selbst eine Beziehung zwischen diesen Ebenen, eine Art räumliche Beziehung, die sich zu ereignen scheint, von der man spürt, dass es sie als Möglichkeit gibt.

Marina Rosenfelds Kunst steht in einer Tradition des Zeitlupenmusizierens, einer Eroberung der Statik zwecks Auflösung des nur vermeintlich Einfachen. Je genauer die Lupe, desto vielschichtiger die Klänge; je langsamer die Belichtung, desto mehr Tiefenschärfe bekommt die Musik. Das Eintauchen in die Klangwelt wird kompositorisch als Angebot formuliert, nicht als Auftrag; die Musik definiert eher einen Raum, einen Ort, an dem man sich aufhält, als eine bestimmte Zeitstrecke, durch die man hindurch muss. Anders gesagt: Die Zielstrebigkeit einer mit Spannung und Auflösung operierenden Kunst ist ersetzt durch die Gelassenheit eines dem permanenten Übergang verpflichteten Klang- und Bildverlaufs, beziehungsweise der notwendig mehrdeutigen Beziehungen zwischen diesen Ebenen.

Text: Christian Scheib | 02.02.2000

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