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Hisatsinom: Unpopulär, spektakulär wie nie: Über das Verschwinden

Text: Heinrich Deisl | 10.12.2001
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Mit »Hisatsinom« hat der Linzer Wipeout-Elektroniker und Base-Rec.-Betreiber Wolfgang Fadi Dorninger ein audio-visuelles Prachtexemplar in CD-Format veröffentlicht. Transcodierung und Veränderung sind die Eckpfeiler, zwischen denen sich eine ausgelöschte indianische Kultur als Grundlage und Electronica als Guide manifestieren.

»Das Verschwinden, besonders das von kulturellen Codes, ist ein Thema, das ich schon lange mit mir herumtrage«, sagt Dorninger. Nach seiner letzten Solo-CD »Asten« (Base Rec.) werden auf »Hisatsinom« diese Tendenzen noch verstärkt. Allerdings war »Asten« eine Auftragsarbeit. Vor rund drei Jahren entdeckte er auf seinen akustischen Forschungsreisen in die USA die ausgestorbene Kultur der Hisatsinom/Anasazi. Vehemente private Studien folgten.
Im Geiste brauchte die CD zwei Jahre um zu reifen, die Produktionszeit betrug rund vier Monate. Dazu verschwand Dorninger für einige Zeit in Tucson, Arizona. Trotz oder wahrscheinlich gerade deswegen, weil er die Hisatsinom ausführlich erkundet hat, hat er auf Elektronik, Violine (Martha Breit) und die Stimmen von 16-Horsepower-Sänger David E. Edwards und von Manu Pfaffenberger gesetzt. »Ich wollte diese geschundene Kultur keiner Lächerlichkeit preisgeben. Daher auch keine akustischen Instrumente. Ich wäre beim Ethno-Kitsch gelandet«, erklärt er.
Die rund um den Chaco Canyon (New Mexico, Arizona) ansässigen Hisatsinom, eine mit den Mayas vergleichbare, priesterliche Hochkultur, kollabierte im 14. Jahrhundert innerhalb von zwei Generationen und hinterließ so gut wie keine Zeugnisse. »Sie ist ein markantes Beispiel für einen extrem schnellen Verfall. Die Frage nach dem »wieso« führte zum eigentlichen Motiv von »Hisastinom, Über das Verschwinden«. Das Stück behandelt darüber hinaus das Verschwinden des westlichen Menschen in Konsum und Medien.«
Stichwort Medien: Da heißt es in den Lyrics zu »Apatheia«: »Wir werden informiert, aber wir empfinden nichts...« Klarerweise nur Zufall, aber dieses Statement hat gerade nach dem Anschlag auf das World Trade Center und die penetrante Berichterstattung in den amerikanischen Medien mehr Aktualität als je zuvor und bewahrheitet sich mit jeder zum x-ten Mal wiederholten Kamera-Perspektive des Flugzeugcrashs. Auf seiner aktuellen CD stellt Dorninger die ambivalenten Auslegungen von Wissens-Akkumulationen dar: Was für den Großteil der Weltbevölkerung Mangelware ist, prallt am Rest ab (»Anti-Gedächtnis«). Das Resultat des beschleunigten Stillstandes: »The high speed of motion forces absence« (»Synchronized Minds«).
Alle Stücke erzählen Geschichten, sind in Musik gefasste Statements zur Verfasstheit von spirituellen, religiösen, politischen, medialen und kulturellen Codes. Durchmischung ist dabei ebenso relevant wie (vermeintliche) Null-Information und Funktionalismus in der Musik. Sein »move on, you are speed, already machine« ist kein techno-fetischisierender Blick, sondern zielt auf die verschiedenen Formen des Gedächtnisses und die damit verbundenen (Off)-Limits. Folgerichtig ist auf dem CD-Cover als Hommage an Dieter Roth ein »french mould cheese« drauf, der sich selbst zersetzt.
Spätestens seit dem Sampler »9>5« ist die Selbstausbeutung von Base nicht mehr zu kaschieren. So kommt »Hisatsinom« als Data-CD daher, auf der sich neben den Musik-Tracks die Lyrics und der Begleittext finden, dazugepackt eine Video-Dokumentation zur Prämieren-Aufführung anläßlich des Linzer »4020«-Festivals, einige von Didi Bruckmayr gestalte Video-Stills und eine ausführliche Link-Sammlung.
Bis jetzt sind Konzerte in Vilnius, Albuquerque, München und Wien angesetzt. Fadi Dorningers Traum ist es, übernächstes Jahr im Reservat in der Wüste von New Mexico ein Festival aufzuführen. Er wurde aufgefordert, dafür etwas Positives für die dortige Bevölkerung zu machen. Sein Vorschlag: »Computermusik für die indianischen Kids, aber auch Workshops für Erwachsene. Die technologische Musik wird per Sonnenenergie verstärkt.«

Hisatsinom - Über das Verschwinden. Data-CD (PC- und Mac-kompatibel).

Text: Heinrich Deisl | 10.12.2001

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