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Ottensheim Openair - 01. + 02. 07. 2005

Text: Marko Markovic | 12.07.2005
Trotz unangenehmen Wetters fand sich im Örtchen Ottensheim bei Linz eine kleine Gemeinde an Festival-Freunden zusammen, um dem mittlerweile zehnten Ottensheim Openair beizuwohnen. Entschädigt wurde das bisschen Regen durch das tolle LineUp und die fantastisch entspannte Atmosphäre.

Vor allem unter dem Wetter und der damit verbundenen schwachen Besucherzahl hatte der Freitag zu kämpfen, an dem aber eindeutig das bessere Programm auf die wenigen hundert Gäste wartete. Der erste »große« Act (sofern bei einem derartigen Underground-Festival davon die Rede sein kann) war dann GUSTAV. Live steht Eva Jantschitsch alleine hinter ihrem Tisch und zaubert. Ja, sie zaubert, denn die Perlen ihres Debüts »Rettet die Wale« so auf die Bühne zu bringen (trotz oder auch wegen der Laptop-Unterstützung) ist Zauberei. Zauberei hat auch immer was damit zu tun, dass man selbst, als Zuschauer, daran glauben muss, um sie spannend zu finden. Dass die Luft während »Mein Bruder« gefährlich im Takt zu vibrieren beginnt, muss man als Gustav-Konzerthörer glauben. Nur dann spürt man auch die besungenen Bomben. Und die Einsamkeit von Gustav unter all den Linzer Polizisten spürt man auch nur, wenn man der großen Zauberei »Popsong« Glauben schenkt. Gustav ist eine Meisterin darin, diese Zauberei auf der Bühne mit einer sympathischen, Nähe vermittelnden Art und Weise umzusetzen, ohne abgedroschen zu werden. Menschenfreundlichkeit kann auch mal klappen.

Dass beim abschließenden Mitsingdings »We Shall Overcome« dann eine Dame aus dem Publikum auf die Bühne geholte wurde um den Chor zu singen, und Gustav selbst ihre eigenen Texte zu einem »Da Da Da« entschwanden, hielt wieder einmal als Beweis dafür her, dass Lieder mit Haltung weder »Perfektion« noch »Vehemenz« brauchen, um subtil böse, immanent schön und durch und durch genial zu sein. Protestkultur in einem elektronischen Gewand, das heute Klassiker von Übermorgen produziert, ist also auch auf der Bühne machbar.

Nach Gustav trommelten die alten Punk-Haudegen der U.S. Bombs noch mal drauf los, bevor die Bühne für ungefähr eine Stunde in ein Schlachtfeld der Soundschwere verwandelt wurde. »Terrain disfigured« waren die passenderweise ersten Worte, die aus dem dröhnenden Nebel von »Ever Somber« ertönten, dem Eröffnungstück von DÄLEK. Selbigen wurden am Tag zuvor noch als Überraschungsgast ins Festival gebucht und brachten somit sowohl helle Freude, als auch schockiertes Entsetzen ins Publikum. Mindfucking Noise legte sich in Kreissägen imitierenden Gitarrensamples über die schwer kullernden Beats und die trocken-monotonen Reime von MC Dälek. Wie auch letztens beim Donauinselfest vermochten Dälek live auf einer Festivalbühne die Energie ihrer Alben fantastisch umzusetzen, auch wenn das Set selbstverständlich zu kurz war. Das menschliche Maschinengewehr, das Dälek sein könnte, ist er live höchstens in Superzeitlupe. Den Zorn in seinem Gestus spürt man aber trotzdem, auch z.B. wenn er versucht mit seinem Blick die Regenwolken wegzubombardieren. Als Mensch in der Musik aufgehen, anstatt sie nur zu konsumieren, ermöglichen Dälek mit der emotional dichten, klanglichen vielschichtigen und technisch brillanten Darbietung allemal. »Unsere Musik wird nie mehr als traurig sein.« hieß es dazu mal in einem Interview, und selten kam es so vor, als ob diese Grenze, dieses Nicht-weiter-kommen, wirklich das weiteste ist, wo sich HipHop (und im weiteren Sinne Pop) hinbewegen können. Die Ablehnung der Formatmusik ist bei Dälek live die Realisierung von Offenheit als Grundidee des HipHop. Und ihre Realisierung von HipHop macht Sinn wie kaum eine anderer unserer Zeit.

Ähnliches für sich verbuchen können fünf junge Herren aus Nürnberg, nur geht es nicht um HipHop, sondern um tanzbaren, wavigen Indierock. Gemeint ist die Band der Stunde, THE ROBOCOP KRAUS, die zu Recht als eine der besten deutschen Live-Bands unserer Zeit gilt. Dass ihr aktuelles, viel umjubeltes Album »They Think They Are The Robocop Kraus« die Live-Energie perfekt auf die Platte zu übertragen wusste, beweist durch Konsistenz, Klugheit und Geschmackssicherheit, dass diese Leute ihr Handwerk verstehen. Auf der Bühne sind sie ein Orkan an guter Laune, Weltschmerz, Liebe, Desaster, Tanzen und Niederknien, der in druckvollen Songs über die Köpfe hinwegbläst, und staunende Münder zurücklässt, falls nicht eh jeder schon vorher tanzt. In Ottensheim war ihr Gig der mit Abstand wildeste, und das Publikum entwickelte bei TRK den höchsten Tanz- und Energie-Pegel. Schlicht: Wahnsinniger guter Pop, der W.A.H.N.S.I.N.N. und P.O.P. gleichzeitig buchstabieren kann, ohne beliebig zu klingen. Im Gegenteil: von allen (englischsprachigen) Indie-Retro-Schick-Bands der heutigen Tage zeichnen sich TRK durch eine sehr großformatige Eigenständigkeit aus, weswegen ihnen oft nachgesagt wurde, ihrer Zeit voraus zu sein. Was uns hoffen lässt, dass das nächste »Jetzt!«, der nächste richtige Moment, die nächste Gegenwart, in der diese Band uns beglückt mit einem ihrer Gigs, bald wieder kommt.

Zu Ende ging der Abend mit einem guten, ausgelassenen Set von Ex-Eins Zwo DENDEMANN, der Deutsch-HipHop einst als großer Hoffnungsträger, heute ein bisschen wie Opa-vom-Jahre-Schnee betreibt, und dabei eine gute, unterhaltsame Figur macht. Als Schlusspunkt eines so tollen Abends machte es auf jeden Fall Sinn, auch noch mal den alten Eins Zwo-Hit »Danke, Gut« zu hören und sich schließlich einzugestehen, dass »jedes kleine d (...) ein großes Endemann« hat. Großes Ende, Mann.

Der nächste Tag war dann trotz etwas besseren Wetters nicht so ganz berauschend, einzig bemerkenswert war vielleicht die Fadess des LARGE NUMBER-Gigs (immerhin steckt dahinter Ex-Add N To X Ann Shenton), die zwar durch die irrwitzigen Kostüme etwas aufgelockert wurde, aber musikalisch leider nicht zu vertreiben war. Den allerallerletzten Schlusspunkt setze eine neue HipHop-Kollaboration aus DJ Vadim, DJ Woody, Yarah Bravo & Blu Rum 13, die den Namen ONESELF trägt, und mit einer guten, gutgelaunten, und gutgemeinten Show das Publikum super unterhalten hat. Jazzy, groovy, Ninja Tuny. Was will man mehr? Noch ein Ottensheim Openair, klar.

Text: Marko Markovic | 12.07.2005

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