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Patti Smith

Jesus died for somebody's sins but not mine

Text: Barbara Wakolbinger | 26.07.2010
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In ihrem ersten Prosawerk gibt Patti Smith bisher ungekannte Einblicke in ihre Kindheit und Jugend, die tiefe Freundschaft zu Robert Mapplethorpe und ihr eigenes Wachsen als Künstlerin im New York der 1960er und 1970er Jahre.


Sie sind Liebhaber und beste Freunde, Künstler und Muse - sie treiben sich gegenseitig voran, erschließen ihre Grenzen und halten einander über Wasser. In einer kalten New Yorker Nacht legen Patti Smith und Robert Mapplethorpe den Schwur ab, einander niemals zu verlassen.

The plot of our life sweats in the dark like a face
The mystery of childbirth, of childhood itself


Während Robert seiner katholischen Erziehung und den Plänen der Eltern für sein Leben entflieht, blickt Patti auf eine Kindheit in ärmlichen Verhältnissen zurück. Sie ist geprägt von Neugier, Fantasien, langen Krankheiten und der Sehnsucht, einen Ausweg aus der Unzulänglichkeit der Sprache, all das auch auszudrücken, zu finden. Rimbaud und Rock'n' Roll sowie eine ungewollte Schwangerschaft treiben Patti im Sommer 1967 nach New York, das trostlose Leben als Fabrikarbeiterin und ihr Kind zurücklassend.

I'm gonna be somebody, I'm gonna get on that train, go to New York City,
I'm gonna be so big, I'm gonna be a big star and I will never return

Auf der Suche nach einer Unterkunft, Arbeit oder auch nur der nächsten warmen Mahlzeit, trifft sie in Brooklyn auf Robert Mapplethorpe. Kunst in allen Ausprägungen beherrscht das Leben der beiden. Hunger, Existenzängste und Verzweiflung mischen sich mit dem Gefühl der Freiheit und Hoffnung oder vielmehr der unbändigen ?berzeugung, künstlerisch tätig sein zu müssen. Die Entscheidung zwischen Abendessen und Leinwänden fällt meist nicht schwer.

Oh, baby, it would mean so much to me,
Oh, baby, to buy you all the things you need for free.

Robert zeichnet und fertigt Installationen aus unterschiedlichsten Alltagsmaterialien, die das Paar wie kostbare Wertgegenstände sammelt. Patti illustriert und schreibt. Gemeinsam ist ihnen ihr Gefühl für Stil und Mode; auf Aussehen und Kleidung wird mehr Wert gelegt als auf frisches Brot. Patti und Robert leben von ihrer Liebe zur Kunst, dem unabdingbaren Vertrauen zueinander und dem bisschen Geld, das Patti bei ihrer Anstellung in einem Verlag verdient. ?ber Monate übernimmt Patti die finanzielle Verantwortung für sich und Robert, der es nicht erträgt, dauerhaft zu arbeiten.

Should I pursue a path so twisted?
Should I crawl defeated and gifted?

Die beiden tauchen ein in das dichte, kulturelle Bewusstseinsnetz, das New York zu diesem Zeitpunkt für junge Künstler darstellt. Sie erleben die letzte Generation von Bohème, die im revolutionären Klima des Vietnam-Protestes um künstlerische Identität, Selbstverwirklichung und Inspiration ringen. Schmelztiegel dieser Generation ist das Hotel Chelsea, in dem Dylan Thomas seine letzten Stunden verbrachte, Bob Dylan dichtete und Jimi Hendrix und Janis Joplin zu Abend essen. Dorthin zieht es Patti und Robert; immer wichtiger wird der Gedanke, Kunst zu machen und damit Erfolg zu haben: mit oder ohne den Rest der Welt.

We do not eat,
eat anything at all.
Love is, love was, love is a manifestation.

In dem bunten Treiben der Künstlerszene finden sowohl Patti als auch Robert neue Freunde und Unterstützer, langsam scheinen beide ihrem Traum näher zu kommen, von ihrer Kunst zu leben. Nur Roberts langsam entdeckte und ausgelebte Homosexualität verdüstert die Idylle. Patti muss sich mit dieser neuen, dunkleren Seite ihres Seelenverwandten abfinden und die Veränderung von einer Liebes- zu einer Freundschaftsbeziehung verkraften. Beide entdecken neue Bedürfnisse, die der jeweils andere nicht mehr vollständig befriedigen kann. Patti entwickelt sich in musikalischer Hinsicht, Robert bekommt seine erste Kamera. Schließlich zieht Patti aus dem gemeinsamen Loft aus, der Eid ist erfüllt. Dennoch bleiben Patti und Robert einander in tiefer kreativer Schaffensmystik und Freundschaft verbunden; Robert schießt das ikonische Foto auf dem Albumcover von »Horses«, gemeinsam stellen sie ihre Werke aus.

With love we sleep
With doubt the vicious circle
Turn and burns
Without you I cannot live


Als Robert an AIDS erkrankt, verspricht Patti ihm, die Geschichte ihrer Jugend aufzuzeichnen. In »Just Kids« gelingt ihr das in einer sensiblen aber eindringlichen Sprache, die nicht nur die besondere, ritualhafte und oft beinahe mystische Beziehung der beiden beschreibt, sondern auch die Suche und das Werden zweier Künstler aufschlüsselt. Die ?berzeugung, das Leiden und Zweifeln, aber dennoch Beharren für die Kunst und der Ritus der Initiation in die schillernde Künstlergesellschaft der späten 60er und 70er Jahre machen die Geschichte spannend und überzeugend. Gleichzeitig bleibt es eine berührende, aber selten zu emotionale Liebeserklärung Patti Smiths an ihren Wegbegleiter und Freund Robert Mapplethorpe.


Patti Smith: »Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft«
?bersetzt von Clara Drechsler und Harald Hellmann.
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2010, 336 Seiten, EUR 20,60


Text: Barbara Wakolbinger | 26.07.2010

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