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Das Klagelied der Kolonne

Oder: Lebens-Tanz als Poesie in der Gesellschaft. William Kentridges »Fünf Themen«.

Text: Kerstin Kellermann | 17.02.2011
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Albertina: 29. 10. 2010 - 30. 01. 2011
Israel Museum: 5. 3. 2011 - 18. 6. 2011
William Kentridge »Bridge«, 2001 | Bronze und Bücher, 60 x 93,2 x 19 cm
Sammlung des Künstlers, mit freundlicher Genehmigung der Marian Goodman Gallery, New York und der Goodman Gallery, Johannesburg
© 2010 William Kentridge; Foto: John Hodgkiss, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers


Zuerst wirkt allein die Bewegung in den Bildern, man sieht die Musik laufen, ohne sie zu hören, erkennt sie an der Bewegung der Menschen, die dargestellten Figuren sind im Fluss. Noch stärker wird der Effekt natürlich, wenn man die Musik wirklich hört - eine theatralische Musik, die anspornt und eine eigene Erfindung von William Kentridge ist, dem alten jüdischen Mann aus Südafrika, eine Vermischung von russischer Avantgarde und afrikanischer Musik. Oder von Mozarts Oper »Die Zauberflöte« mit Herero-Musik aus Namibia, um »das Politisch-Unbewusste der Zauberflöte in den Blick zu nehmen - die Beschädigungen durch den Kolonialismus, der seine Raubzüge so gestaltete, als bringe er dem dunklen Kontinent die Aufklärung«. Der Fokus richtet sich insbesondere auf den Kolonialkrieg von 1904 im damaligen Deutsch-Südwestafrika und den Völkermord an den Hereros, wie Kentridge selbst über seine multimediale Installation »Black Box« (2005) schreibt. Sarastros beruhigender Gesang wurde z. B. in einen Militärmarsch für Blechbläser umgestaltet.

Auf der Skulptur »Die Brücke« (2001) laufen eine afrikanische Frau tanzend, ein schwarzer Mann mit Megaphon auf dem Rücken, mit einem Ruderblatt rudernd, dann der dicke William Kentridge selbst, mit einem Buch in der Hand und eine Art revolutionäre Frau mit wehenden Haaren, die auf einem Strommasten-Gestell schwebt, in einer Reihe über ein Holzbrett, das links und rechts auf Bücherstappeln aufliegt. Ohne diese innere Musik, diese Bewegung, den Lebenstanz, sind Kentridges Figuren nicht vorstellbar. Die starke Bewegung nach vorne auf dieser Holz und Bücher-Brücke zeigt die Richtung der Fluchtlinien an, aus der Enge der »Post-Anti-Apartheidsgesellschaft« (Kentridge) Südafrikas heraus, weg von den Gräueln der Vergangenheit, aber diese bleiben gleichzeitig doch mit inbegriffen und nicht verdrängt, nicht abgedrängt in das gesellschaftliche Un- oder Unterbewusste.

Fluchtlinien auf einer gleichen Ebene verweisen auch auf eine eigene Welt im Kopf, einen Blick ins Weltall, Raum und Platz im Innern. Kentridge bringt Bewegung in die südafrikanische Vergangenheit und Gegenwart, er rührt um und auf und bringt letztendlich einen Tanz der Freude, der Euphorie, des Lebens, trotz aller Massaker, die er des öfteren auch durch ominöse Duschen in Holzhütten als Holocaust-Erinnerungen zeichnet. Das Leben geht weiter und weiter und weiter ?? Aber nur für die, die überlebt haben und alltäglich weiterhin überleben, die Anderen leben in den Lebenden weiter. Oder auch nicht, aber das gilt es zu verhindern.

23_sfmoma_Kentridge_lifetime_3.jpgWilliam Kentridge
"A Lifetime of Enthusiasm" (Standfotos), aus der Installation "I am not me, the horse is not mine", 2008
8-Kanal-Videoprojektion, DVCAM und HDV auf Video übertragen, 6:01 Min.
Sammlung des Künstlers, mit freundlicher Genehmigung der Marian Goodman Gallery, New York und der Goodman Gallery, Johannesburg;
© 2010 William Kentridge; Foto: John Hodgkiss, mit freundlicher Genehmigung des Künstlers

Welt der Schatten

Ein riesiger Schatten an der Decke und an der Wand verfolgt in einem Film die wilden Drehungen eines Dienstmannes mit Dienstkappe und Dienstmantel »Ländliche Tänze I (Schatten)«, aus »Ich bin es nicht, das ist nicht mein Pferd«, 2008). Laute Musik. Die Schatten seien »der Ausgangspunkt für alle Fragen, die den Weg zur Erkenntnis ausmachen«, schreibt Kentridge im Katalog. »Ich möchte nun die Frage stellen, ob man die Reise auch umkehren kann, eine Reise, auf der wir, vom Sonnenlicht geblendet, Erkenntnis in der ??Welt der Schatten?? suchen«. Der Künstler schlägt vor, »Kunst und Leben nicht so sehr als eine geregelte Welt von Gewissheiten, sondern als einen permanenten Veränderungsprozess zu betrachten«, schreibt documenta-13-Leiter Carolyn Christov-Barkargiev. Es ginge ihm darum, wie wir unsere Geschichte(n) konstruieren und was wir mit damit anfangen, um die Möglichkeit der Poesie in der Gesellschaft. Ob Kentridge nun aus schwarzem Papier die Prozession der Besitzlosen, das »Klagelied der Kolonne« ausreißt, Leerstellen in seine Kohle-Bilder radiert oder komplizierte Maschinen baut - ähnlich der russischen Avantgarde beschäftigt er sich mit den Verbindungen von Hoffnung und Handlungsmacht, dem Verhältnis von politischen und gesellschaftlichen Veränderungen und arbeitet zum Zusammenbruch von revolutionären Potentialen. Politische Kunst sei »eine Kunst der Mehrdeutigkeit, des Widerspruchs, der unvollendeten Gesten und des ungewissen Ausgangs«.

Im »Limbus des Hoffens wider die Hoffnung«, am »Punkt an dem der Optimismus in Zaum und der Nihilismus nicht zugelassen wird«, auf diesem schmalen Grat sieht Kentridge seine Arbeit. Es geht ihm um Metamorphose, Halluzinationen, das Zeichnen als Zone der Unbestimmtheit und die Möglichkeiten, die »Improvisation, Irrationales, Revolution und Liebe« bereithalten.


Text: Kerstin Kellermann | 17.02.2011

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