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Laurie Anderson, Donaufestival Krems, 5. Mai 2011

Text: Kerstin Kellermann | 25.05.2011
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Die US-Musik/Performance-Ikone steht mit »Transitory Life« in der Tradition einer Free Form of Punk Fiction - »We were just constantly flying in circles, constantly flying in huuuge circles ??«

Foto © Florian Schulte/Donaufestival


Tiefe Geräusche dröhnen nach, der Metallsteg wackelt auf der Stelle, die Performerin wirkt konzentriert in sich wie immer und schaut auch nach wie vor wie ein kleiner Junge aus: »La grande vieille dame« Laurie Anderson werkt vorne auf der großen Bühne des Donaufestivals in Krems. Ihre Geige ist nach wie vor mit von der Partie, ihr Redegesang mit ihrer ganz speziellen Stimme noch Teil der Performance: »This is a story about birds ??, the birds had no land ??« - seitlich im Dunkeln auf dem Metallsteg kann man die deutschen Untertitel nicht lesen, die quer über den Hintergrund der Bühne laufen. Ähnlich wie beim israelischen Schriftsteller Nir Baram, der im Buch »Der Wiederträumer« über Tel Aviv die Apokalypse in Form ewiger Dunkelheit hereinbrechen ließ, fliegen bei Laurie Anderson viele Vögel in der Luft herum, ohne eine Atempause, einen Platz zum Landen. »One of the birds had a problem. Her father died. And what do to with the body?« Wie einen toten Vater-Vogel, Vogel-Vater, begraben ohne Erde, ohne festen Grund? »This is a memory. They had to bury her father in a bag ... We were just constantly flying in circles, constantly flying in huuuge circles ??«.


Slow motion fury

In einem Aufleuchten erinnere ich mich an ihr Konzert in Paris, das muss Mitte der 1980er Jahre gewesen sein, der altmodische Theatersaal bis in den letzten Winkel voller Menschen und wie Laurie Anderson in ihre Welt versunken und doch ganz präsent vorne am Rande der Bühne saß und uns, die wir zum Teil am Boden knieten wie in der Kirche, zwischen den goldenen Theatersäulen an ihren Welt-Räumen teilhaben ließ. Man fühlte sich nicht alleine, auch als Alleinige, als Einzelne nicht, sie machte es ertragbar. Ähnlich Anne Clark mit ihren extrem traurigen Liedern, die plötzlich in Tanz ausschwenkten, rasant anzogen, führte Laurie Anderson Wege vor, mit der grundsätzlichen Einsamkeit im Leben, wenn man z. B. erst zwanzig Jahre alt ist, umzugehen.

laurie_anderson_skug_web_web.jpgIn Krems klingt Laurie Andersons Stimme wie im Schlaf, schlafwandlerisch kriegt ihre Performance Traum-Qualitäten. »The slow burn of rage ?? I'd never seen such slow motion fury.« Laurie Anderson schaut ganz harmlos aus, ihre Punk-Frisur mit den nach oben in die Luft weisenden Haaren, wie von einem Elektroschlag aufgestellt, ist verschwunden. Bezieht sie sich auf Lou Reed? Irgendwie kommt der Holocaust nun öfter vor, die Juden, die Nazis - oder ist mir das früher nur nicht aufgefallen? Aber ich konnte doch viele ihrer Texte auswendig? Für mich persönlich war sie eine Vorläuferin von Punk - in meiner Geschichte nahmen Frauen, die alleine mit ihrem Synthie, wie die Belgierin Mathilde Santing, ihre Musik unter die Leute brachten, die feste Station zwischen Minimal Music und Punk-Bands - den fröhlichen Angeber-Jungs-Bands, obwohl es von Dorffesten und Polka her eine gewisse Tradition gab - ein.

Foto: Laurie Anderson by Magdalena Blaszczuk

Ermüdet von der Kälte?

Blau, rot, grün. Leuchtkugeln seitlich an der Wand. »The child is going to kill us.« Laurie Anderson erzählt von einer Großmutter, die unbedingt einen Kuss von ihrem Enkel will, der sich weigert und in starre Trauer verfällt. »Wir waren seit Tagen in der Küche. ??Ich küsse dich später im Wohnzimmer??, sagte die Großmutter.« Es klingt gruselig, wie Großmutter-Wolf mit Buben-Rotkäppchen. »He drags himself there, tiny boy.« Rote Scheinwerfer. Handbewegung nach oben, der Notenständer mit Notenbuch vor ihr, alles ganz simpel. »Kissing as a part of a dead childhood.« Gruselige Familiengeheimnisse. Free Form of Punk Fiction, Mystik ohne Mystik, nicht Mystizismus, sondern mystisch. »We can flood our paranoia. We can love our paranoia.« Gelber Scheinwerfer ins Publikum: »This trouble is not mine!« Hier in Krems erscheinen viele so unruhig und cool zugleich, so gelangweilt oder ermüdet vom Stehen, von der Kälte? Krallen sich fest an ihren starren Gedanken, wehren sich. Was bleibt in den Köpfen von Inhalten, die abgewiesen werden? Wo sind die zornigen, politischen Inhalte des Punk hin gekommen und abgeblieben? Besteht Punk bei den heutigen Vertretern nur noch aus Drogen und pseudo-mächtigen Wutausbrüchen gegenüber ihren Freunden?

Laurie Anderson hält die Wörter zurück beim Aussprechen, lässt sie langsam aus, dadurch entsteht eine humorvolle Betrachtungsweise des Lebens - »laid back« sozusagen. Beim Mc Donalds in Chinatown arbeiten viele mit chinesisch-amerikanischer Abstammung »real fast!«. Zur Identitätsbehauptung erfindet die Erzählperson eine schwedisch-deutsche Herkunft. Ab da geht es los und sie wird so gerufen: »Go, get the German« oder »Come over here, German«. Das Beste war: »Alles was die Leute wollten, hatten wir«.

Als Schlusspunkt singt sie ein schönes Lied, auf deutsch: »Wir trinken Schnaps« und: »Du ziehst mich echt runter« - was klingt wie aus einem Marlene-Dietrich- Film. Was ist Geschichte? Was macht sie aus? Geschichten? Und bei Laurie Anderson: Geschichte und Geschichten, die aus der Vergangenheit kommend in die Zukunft geraten?


Text: Kerstin Kellermann | 25.05.2011

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