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Ausgewechselt

Text: Johannes Springer | 10.07.2011
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Entfremdung, Unsicherheit, Neuanfang? - Johannes Springer über Katha Schultes Erstlingsroman »Unwesen«.

Was wäre wohl aus dem dreißigjährigjährigen Alain Leroy in Louis Malles »Le Feu Follet« geworden, wenn er sich am Ende der Geschichte nicht umbringen würde? Aus Trauer über sein Alter, verlorengehende Szenen, Hedonismus, Nachtleben, Liebe. Es gibt sechs Seiten ziemlich zu Beginn des ersten Romans von Katha Schulte, »Unwesen«, die glauben lassen, eine solche Geschichte würde nun, wenn auch aus der Perspektive einer Protagonistin, erzählt werden. Ähnliche Krisensignale allenthalben: »Plötzlich verloren wir es aus den Augen. Außerdem war dauernd Krieg und machte sich überall Armut breit. Dann war unsere Besitzlosigkeit kein feiner Zug mehr von uns, sondern wurde einfach das allgemeine Elend. So war es nicht gedacht gewesen.« Ein Post-Boheme-Roman über die Enttäuschungen der schwindenden Horizonte, denkt man, und ist damit doch zumindest vordergründig auf dem Holzweg. Stattdessen entwickelt sich ein auf sehr unterschiedlichen thematischen und stilistischen Klaviaturen spielendes Buch, das in einer somatischen Wende die Widerspenstigkeit des eigenen Körpers, Xenotransplantation oder Zoonosis auf einem Level verhandelt, das kulturell-moralische Klassifikationssysteme der Reinheit und Speziesismus mit technisch-medizinischen der Vermischung und Dualismen-Überwindung verschränkt, ohne sich dafür besonders verrenken zu müssen. Sprachlich wird mal bildreich, mit komplexer Eleganz operiert, dann nüchtern, karg berichtend, passagenweise wird der Körper in einem geradezu Durkheimschen Sinne durch die Exponierung seiner beängstigenden-unkontrollierbaren Seite reprofaniert. Gerade die sprachlichen Registerwechsel können stark irritieren, die Schweinegrippe taucht im Duktus alarmierender Zeitungsartikel auf, dann werden harawayisch angehauchte Hybriddiskurse diskutiert und die Operation am offenen Herzen ist hier kein abgedroschenes Bild, sondern detailliert beschriebene und zur Meditation über die Entfremdung von sich selbst genutzte. Während Alain sich ins Herz schießt, wird es hier ausgetauscht. Welche Horizonte dies auftut, bleibt spannend offen.

Katha Schulte: »Unwesen«, Lohmar: Hablizel 2010, 150 Seiten, EUR 16,90


 


Text: Johannes Springer | 10.07.2011

Referenzen:

skug : 85
Texttyp: Buchrezension

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