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Ost-Jazz: Ein Schritt vom Saxophon zum Messer

Text: Kerstin Kellermann | 13.01.2012
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Foto: © Doris Brady
Jazz hat in der neuen, harten Welt des ?berganges, der Transition in Süd/Ost-Europa an Publikum verloren. Vom Unterhalt für Berufsmusiker durch den Staat veränderte sich der Alltag direkt hinüber in marktwirtschaftliche Lebensbedingungen. Gebraucht wird dringend eine internationale Internet-Plattform zum Netzwerken, ergab am 14. Dezember 2011 eine MICA-Diskussion im Wiener Porgy & Bess.

Auch wenn Musiker wohl eher nicht in Verbindung zur Politik stehen wollen und Musik als Freiheitsprojekt begreifen, stehen sie doch in direktem Lebenszusammenhang zu Staatsformen und Umbrüchen von Regierungen: »Mit dem Zusammenbruch des Kommunismus verlor der Jazz an Wichtigkeit«, sagt Peter Pallai, der als Ungarn-Flüchtling lange für das Jazzradio in der BBC arbeitete. »Die starke staatliche Unterstützung im Kommunismus gab den Jazzern einen gewissen Status, danach erhielten die früheren Berufsmusiker zwar ihre Freiheit, aber finanziell gar nichts mehr - neue ??hard times?? begannen.«

Es ist ein komisches Gefühl, am frühen Nachmittag im Porgy and Bess zu sitzen, irgendwie feierlich mit den roten Lichtern, den dunkelroten Stühlen, den Goldanklängen an der Brüstung und der Klubatmosphäre - aber ohne die übliche Konzerterwartung und Vorfreude. »Viele junge Jazzer ignorieren heutzutage den Bebop als Lernstadium und verlieren so das Publikum«, sagt Pallai noch und grinst, denn Bebop, das klingt nach Charlie Parker und Improvisation und Opposition gegen Swing, aber auch wie aus einer anderen Zeit herüber gerettet, staubig, aber mit Goldstaub sozusagen.

»Jazz Ost-West - gemeinsame Wege, Geschichte und Visionen«, heißt die Diskussion, zu der das MICA geladen hat. Spannend, denn im Westen gibt es oft reduzierte Bilder und Assoziationen zu den verschiedenen historischen Phasen in unseren Nachbarländern und den Unterschieden zwischen ihnen. »Die DDR zum Beispiel übersprang die Phase des Bebop, sondern ging direkt in die Avantgarde hinein, vorher war Dixieland sehr stark«, erklärt Moderator Virgil Mihaiu aus Rumänien. »Es gibt große Unterschiede in den kommunistischen Systemen und auch zwischen den Diktatoren. Stalin z. B. unterdrückte die Literatur am meisten, da er so stark an Wörtern interessiert war. In Rumänien war Poesie akzeptiert und Bilder wurden verboten - das kommt davon, wenn man analphabetische Diktatoren hat.« Mihaiu beginnt zu lachen: »Musik wurde nicht unterdrückt, da sie zu abstrakt war. Die Typen, die in den Konzerten einschliefen, waren die Spione!«

Jazziger Archivaufbau gegen das Verbrechen

Sandor Kozlov kritisiert, dass es in Ungarn keine Jazz-Partys für junge Leute wie in New York gab, sondern dass Jazz unter dem Titel »höhere Kultur« in Konzerthallen verhaftet blieb, höchstens noch auf Festivals auswanderte. Die Zukunft läge in den Internet-Radiostationen. »Auch ich muss leider ein schwarzes Bild malen«, sagt der 70-Jährige, bis heute sehr flotte Pallai. »Es gab dann später nur noch light Jazz, Jazz Punk at his best! - ein großer Unterschied zu den 1940er Jahren, als Jazz auf einem hohen Standard noch tanzbar war. Es gibt nur einen Weg: Die Zuhörer müssen deinen ??puppy stuff?? mögen und du musst sie in einer Jazz-Stimmung erwischen.«

»In der russischen Chruschtschow-Periode galt Jazz als Musik, die nur Kriminelle hören. Es wäre nur ein Schritt vom Saxophon zum Messer!«, erinnert sich der große junge Sandor Kozlov, der auf dem Schiff A38, das auf der Donau vor Budapest vor Anker liegt, Konzerte organisiert. »Noch 1983 wurde Jazz aus dem Osten nach Großbritannien, einem Heimatland des Jazz, heraus geschmuggelt. So entstand die erste Avantgarde-Schallplatte«, ergänzt Moderator Mihaiu, der momentan Direktor des Rumänischen Institutes in Portugal ist. »In Rumänien herrscht ein Fetischismus des geschriebenen Wortes vor, die besten Musiker werden nicht dokumentiert - es ist eine Tragödie, ein Verbrechen, dass viele Master Pieces verloren gehen, die man wirklich aufheben müsste.« Sehr wichtig wäre es, meint der Jazz-Kenner seit den 1970er Jahren, Konzerte zu filmen und ein Archiv des südosteuropäischen Jazz aufzubauen, um das Potential einer starken kulturellen Tradition weiter zu führen: »So ein Potential sollte nicht verloren gehen!« Unterstützung dafür wäre eigentlich gar nicht so mühevoll, denn: »Wir sind momentan nicht übereinander informiert. Eine Internet-Seite zum europäischen Jazz in der Art des früheren Jazzforums, in der verschiedene Musiker und Veranstalter aus den Ländern auch in Landessprache Termine und Beiträge drauf stellen könnten, wäre toll.« (Anm. mit Posting-Funktion bitte!)

Radio Ljubljana und die europäische Vision

mica2.jpg»Alle heutigen Probleme des Jazz stehen in Beziehung zur Ükonomie«, befindet der Tscheche Vilem Spilka, Kurator des Jazz Festivals JAZZFESTBRNO. So erhielten alle ungarischen Kulturinstitute z. B. kein Geld mehr vom Staat, sie stehen ohne Budget da. Auch die slowakischen Kulturinstitute im Ausland wären bald Vergangenheit, berichtet ein Zuhörer. Die neuen Regierungen scheinen nicht nur finanztechnisch gegen Kultur eingestellt zu sein. »Die erste Maßnahme der neuen rumänischen Regierung war es, das Kulturministerium aufzulösen«, erinnert sich der Moderator. Reminiszenzen werden wach, denn auch wenn Diktaturen herrschten, amüsierten sich die Menschen nach Möglichkeit: »Unter Stalin war die beste Zeit für politische Witze«, lacht Pallai. »Und 1952 hörte ich immer den Jazz, den Radio Ljubljana ausstrahlte, bei uns in Ungarn gab es das nicht. Auf diese Weise hörte ich überhaupt zum ersten Mal in meinem Leben Jazz!« Mit gewaltigen Auswirkungen für sein Leben. Heute im Wiener Porgy & Bess schlägt Pallai vor, dass, da der Staat komplett ausfällt, private Klubs gegenseitig auf einem »Inter Club Level« Musiker austauschen und einladen sollten, eine europäische Vision gehöre realisiert. »Es wäre super, wenn wir unser Wissen, über Internet vermittelt, unter uns Südosteuropäern austauschen und uns gegenseitig einladen könnten, aber es müsste jemand Fanatischen geben, der diese Wünsche zentral realisiert und checkt.« Die älteren Herren in der Runde fühlen sich aber für Internet-Projekte nicht mehr wirklich zuständig, die Jungen scheinen tief in ihre privatwirtschaftlichen Bemühungen verstrickt, in der Marktwirtschaft zu überleben. Es müsste jemand oder eine Organisation gefunden werden, die Engagement, Leidenschaft und eine gewisse finanzielle Freiheit mitbrächte - Wien wäre auch kein schlechter virtueller Standpunkt für Vernetzung.

Langfassung des Interviews auf »www.musicaustria.at 


Text: Kerstin Kellermann | 13.01.2012

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