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Mary Halvorson und das »System« Jazz im Heute

Text: Markus Stegmayr | 22.07.2012
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all fotos by Amani Willett »maryhalvorson.com
Jazz hat ja manchmal auch den Ruf, Musik von alten Männern für alte Männer zu sein, die es sich in ihrem gediegenen Geschmack eingerichtet haben. Die in New York lebende und spielende Mary Halvorson, die als Fixstern am Avant-Jazz-Himmel der Jetztzeit gilt, räumt mit diesen Klischees gehörig auf. skug versucht sich dabei vor allem ihrer musikalischen Ästhetik anzunähern.

Wenn Mary Halvorson Gitarre spielt, dann klingt das immer ein wenig auch so, als habe sie zum ersten Mal zur Gitarre gegriffen. An Kommentaren zu ihrer Musik kann man viel finden, vor allem aber wird sie auch von ??Jazz-PuristenInnen?? manchmal angegriffen, etwa wenn es darum geht, dass sehr gutes und innovatives Spiel nicht so sehr dem Spiel eines Dilettanten gleichen darf, auch wenn es dann das Spiel eines »genialen Dilettanten « sein mag, der sich durchaus, aber wohl ??nur?? unbewusst, in neue Gebiete vorwagt, die so noch kein Mensch gesehen oder gehört hat. Doch in Wahrheit ist es natürlich viel komplexer, man kommt mit diesen Klischees, die der Ästhetik der Moderne entstammen, kaum weiter, wenn man das Phänomen Mary Halvorson adäquat beschreiben will.
Ist ihr Spiel nun unkontrolliert, absolut kontrolliert, improvisiert, komponiert, und wo genau sind die Momente, in denen solch ausbalancierte Tracks, wie sie sie auf »Bending Bridges« anbietet, ins Chaos umkippen? Ganz unbemerkt und ganz subtil kommt man bei ihrem neuen Album, das sie mit ihrem langgedienten Quintett eingespielt hat, in Gebiete, die Außenstehende wohl nur als ??Lärm?? bezeichnen würden; ebensogut könnte man sagen, dass Mary immer wieder auf ??Noise-Elemente?? zurückgreift und diese gekonnt einfügt, ohne jedoch wirklich das Genre Noise zu zitieren. Denn, wie sie in Interviews selbst immer wieder betont, sie ist Jazz-Musikerin, auch wenn sie sich nach ihrem Studium erst einmal nicht mehr als solche gesehen hat. Vielleicht ist genau das die Zäsur, an der man ihrer Musik nahe kommt. Und man wird, vermutlich, von ganz vorne beginnen müssen. So scheint es für Halvorson nicht unwichtig gewesen zu sein, mit dem Avantgardisten, Komponisten und Professor Antony Braxton Kontakt gehabt zu haben, den sie nach wie vor so verehrt, dass sie ihre Stücke, zumindest jene, die sie mit ihrem Trio und mit ihrem Quintett einspielt, oft wie Braxton-Nummern bezeichnet, etwa »Deformed Weight Of Hands« (No. 28). Aber nicht nur anhand der wunderbaren Titel auf ihren Alben, auf die sie in einem ??halbbewussten?? Stadium zwischen Wachen und Schlafen stößt, wird hier der Einfluss Braxtons deutlich. Auch in seiner musikalischen Formensprache ist Braxton sicherlich ein Vorbild - auf dem Album »Saturn Sings« erwähnt sie das sogar explizit -, jedoch wird man nie ganz genau eruieren können, was nun eigenständig an ihr ist und wo sie von Braxton beeinflusst ist.

Referenzklirrfaktoren Braxton, Bailey ??

Auch wenn ihre Kompositionen von der kühnen Formensprache und in der schier unendlich differenzierten Klangästhetik Braxtons sicherlich profitiert haben, so klingt ihre Gitarre wie fast keine andere, höchstens könnte man noch Derek Bailey als Referenz anführen. Mary Halvorson hat offenbar beschlossen nicht nach dem üblichen und eingetrichterten Schema funktionieren zu wollen. Man merkt einen ?berdruss, was »konventionellen « Jazz betrifft, und das, obwohl sie ihre Studien bei Braxton mit summa cum laude abgeschlossen hat. Braxton hat seinen StudentInnen in New York einen ganzen Kosmos an Möglichkeiten eröffnet, von Neuer Musik bis zu improvisiertem Jazz über Stücke, die sehr komponiert und auf den ersten Blick fast schon konventionell anmuten, man könnte auch sagen ??Pop-Sensibilität?? haben. Ähnliche Kompetenzen hat auch Halvorson, die sehr eingängige Melodien schreiben kann, die zum Mitsummen anregen - wenn da nicht immer wieder diese Störungen auftreten würden, diese Zwischenrufe ihrer Gitarre und ihrer Musiker, die sich auf »Bending Bridges« immer mehr auf kollektive Improvisationen einlassen und zu sagen scheinen: »Macht es euch nicht zu einfach und fühlt euch niemals allzu sicher, wenn ihr diese Musik hört ??!« In der Musik von Mary Halvorson kann man sich nie vollständig heimisch fühlen, kann man es sich nie gemütlich einrichten, um dann das immer Gleiche zu hören. Ihre Tracks verändern sich, je nachdem, welcher Stimme in ihren stets komplexer und vielschichtiger werdenden Kompositionen man folgt. Ihre Kompositionen sind es dann auch, die sie wirklich als außergewöhnliche Musikerin auszeichnen, da diese zwischen Chaos und Ordnung zu oszillieren verstehen.

Musik als Antriebsmotor für Improvisation

2010_may5_232_sm_medium.jpgBei »Electric Fruit«, das Halvorson zusammen mit Peter Evans und Weasel Walter (beides keine Unbekannten in der Avant-Jazz-Szene New Yorks) aufgenommen hat, finden sich mehr Zufall, mehr Abenteuer und mehr Unerwartetes; das Weniger an Ausgeglichenheit führt dann aber auch dazu, dass weniger an ?berraschung im Spiel ist. Denn überraschen kann nur das, was man nicht erwartet. Wenn man sich, wie bei »Electric Fruit« schon erwartet, dass das Unerwartete passiert, dann bleibt zwar eine tolle Platte mit improvisierter Musik übrig, die Halvorson sicherlich dazu dient, ihr fast unendliches Formenrepertoire daraus zu destillieren, aber es ist merklich, dass sie auch und vor allem für ihr Quintett lebt, für das sie die Musik schreibt. Die komponierte Musik dient als Antriebsmotor, als Ausgangspunkt für Improvisation, weniger ist die Improvisation Selbstzweck. Man kann also auch FreundInnen komponierter Musik, die Struktur dem Chaos gegenüber präferieren, raten, mal ein Ohr in Bezug auf »Bending Bridges« zu riskieren und auch gleich »Saturn Sings« und »Dragon?s Head« auf ihre Wunschliste mit aufzunehmen. Halvorson ist als Musikerin in verschiedensten Projekten, etwa mit Ingrid Laubrock bei Anti- House, aber auch beim Tom Rainey Trio usw., tätig. Diese Beschäftigungen sind nicht das ??Andere?? ihrer Aktivität als Komponistin und Schreiberin für ein Quintett, das sie derzeit gerade zum Septett erweitert hat, sondern jene bedingen diese: Aus der Improvisation lässt sich immer wieder Ordnung und Struktur herausschälen, sodass sie sich erst dann hinsetzen und etwas komponieren kann. Man weiß, dass Halvorson den Kompositionsprozess oft als mühsam empfindet, dann aber sehr exzessiv, schnell und gewieft schreiben und komponieren kann. Dieser Prozess der Konzentration und Fokussierung ist nicht ohne die Aspekte der Zerstreuung, der Improvisation und der Vielfalt denkbar. Die Musik von Halvorson ist in sich heterogen, sie richtet sich in viele Richtungen aus, sie wuchert, sie schlägt aus, sie lässt sich nicht fassen und sie ist kaum zu beschreiben. Sie schlägt Haken und sie ist immer schon eine Spur weiter, als das Ohr des/der Hörers/Hörerin. Und genau diese Erwartung wird auf ihren Alben mit ihrem Quintett auch immer wieder suspendiert, denn die Musik verharrt vor allem auch auf dem neuen Output »Bending Bridges« überraschend lang an einem Ort, lässt teilhaben, lässt zu, dass man sich ??einfühlt??. Die Musik will hier nicht abschütteln, sondern begleiten und ist dabei so geschickt ausformuliert, dass die Momente des Chaos, des Lärms und der Improvisation nicht wie Brüche wirken, sondern wie die logische Konsequenz der Kompositionen.

Jazz als Haltung

Letztlich ist evident, und das wird bei vielen Avant-Jazz-Aufnahmen der letzten Jahre merk- und hörbar, dass man es hier mit einer Form von ??reiner Musik?? zu tun hat, bei der man fast ohne Kontextwissen auskommt, zumindest nicht Kontext in einem Sinne, wie er sonst verstanden wird. Es ist hier die Bezugnahme von Text auf Text, von Musik auf Musik im Vordergrund, weniger, welche Ausbildung Halvorson erhalten hat und welche Biographie sie vorweist. Ihre Musik ist nicht diskursiv zu verorten, man kommt ihr kaum mit einer Gender-Thematik näher - wenn man etwa fragen würde, warum Mary Halvorson klingt wie sie klingt und ob Frauen überhaupt so klingen dürfen oder sollten? Ist ihre Musik weiblich, weil sie eher kreisend ist, nicht linear oder teleologisch? Oder ist ihr Hang zum ??Lärm?? gar eine Form mit dem Klischee von Weiblichkeit zu brechen, da dort ja eher Sensibilität und Feinfühligkeit gefragt sind? ??Reine Musik??, denn: Man wird mehr erfahren über den Zugang von Mary Halvorson, wenn man etwa die Musik der letzten Jahre von Tim Berne kennt und diese in Zusammenhang mit ihrer stellt oder sich auch Vijay Iyer anhört, der ähnlich absolut im System Jazz steht und dieses zugleich auch erweitert, ohne es in Frage zu stellen. Und da ist der springende Punkt: MusikerInnen wie Mary Halvorson verstehen Jazz nicht mehr zwingend als eine enge, dogmatische Musikrichtung, sondern vielmehr als Haltung, als ein komplexes System, das in sich so ausdifferenziert ist, dass es nicht sofort kollabiert, wenn man ??fremde?? Einflüsse einschleust. Das System Jazz reagiert auf seine Weise auf diese Einflüsse: Mit all den klanglichen und rhythmischen Möglichkeiten, die von einem spielerisch hochkomplexen Feld bereitgestellt werden. Es gibt zahllose Akkordvariationen und Tonleitern, der Rhythmik scheinen keine Grenzen gesetzt, da sie sich schon spätestens seit dem Free Jazz der 1960er und 1970er Jahre davon befreit hat, nur ??Puls?? der Tracks zu sein.

Raum zur Spekulation, zur Reflexion

Wenn jedes Instrument für sich zu stehen beginnt, dann ist es ein wunderbarer Augenblick, wenn wieder alle Instrumente zu einem komponierten Track zusammenfinden und dennoch darum wissen, dass es die absolute Harmonie zwischen Instrumenten, Stimmen und Augenblicken nicht mehr geben kann. Improvisation kann als Komposition im Moment des Geschehens angesehen werden, das Verhältnis zwischen Komposition und Improvisation ist prekär. Die Stücke von Mary Halvorson wissen von dieser Problematik, und deshalb kippt die Stimmung so oft, geht Komposition in Improvisation und Ordnung in Chaos über, ohne dass es einen Bruch oder eine wesentliche Zäsur geben muss. Alles ist schon implizit da, man muss es nicht erst auf provokante Art herausspielen und herausschütteln, sondern es kommt ??von selbst??, es ergibt sich, ist Konsequenz und zugleich auch Widerspruch in einem.
Das Werk und das Nicht-Werk, die Kompositionen und die Improvisationen von Mary Halvorson, die in unterschiedlichen Zeiträumen immer wieder auf CD oder Vinyl gepresst und somit zu gefrorenen Augenblicken werden, werden für uns, die wir nicht in New York leben, in Zukunft noch viel Raum zur Spekulation, zur Reflexion oder auch einfach ??nur?? zum passionierten Hinhören und Genauhören bieten. Und damit ist ihre Musik vielleicht doch ein Ort zum Wohnen, weil sie Musik für intellektuelle Nomaden macht, die sich nicht mehr auf eine Musikrichtung festlegen wollen, die in ??ihrem?? Jazz genauso die von Halvorson sehr geschätzten Deerhoof hören wollen und zugleich auch die Tradition des Free Jazz nicht missen möchten. Die Zeit ist zu komplex und zu vielschichtig, um hier sich zu entscheiden. Die Musik von Mary Halvorson ist dabei die perfekte Möglichkeit, sich nicht mehr festlegen zu müssen und dennoch einen Fixpunkt zu haben, an dem sich der Rest der heutigen Musik wird messen müssen.

Mary Halvorsen: »Bending Bridges« (Firehouse 12 Records)


Text: Markus Stegmayr | 22.07.2012

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