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Arve Henriksen

»Solidification« - Rune Grammofon

Text: Curt Cuisine | 04.02.2013

Eine Box mit sieben LPs. Das muss man sich zunächst auf der Zunge zergehen lassen. Sieben LPs. Okay, wenn die Rolling Stones einen weiteren, angeblichen Meilenstein ihres Schaffens in einer dicken Schachtel herausbringen, sammelt sich auch immer ein Menge Material an. Aber das ist meistens Nerd-Stuff. Und es sind die Stones. Aber wer zur Hölle ist Arve Henriksen? Genau diese Frage stellt auch das Booklet - und widmet sich 12 Seiten lang einem ausführlichen Beantwortungsversuch. Wir kürzen ab und behaupten, dass Trompeter, Multiinstrumentalist, Elektroakustiker und Komponist Arve Henriksen zu den profiliertesten Vertretern dieser Gattung (wenn es denn bloß eine ist) in Norwegen gehört. »Profiliert« heißt aber in der Sparte Experimental- und Improvisationsmusik längst nicht mehr, sich durch diesen oder jenen innovativen Zugang auszuzeichnen, diese oder jene Spieltechnik erfunden zu haben oder Garant für einen bestimmten Stil zu sein. »Profiliert« heißt vielmehr, an der Entwicklung des eigenen Sounds, der eigenen musikalischen Persönlichkeit zu feilen. Diese Entwicklung beginnt auf »Solidification« mit dem Doppelalbum »Sakuteiki« von 2001. Henriksen war damals laut eigenen Angaben noch auf einem »Egotrip«, was sich an vielen Solostücken für Flöte oder Trompete zeigt. Mitunter an Dollar Brand erinnernd klingen viele Stücke nach einem Hineinhorchen in sich selbst, einem meditativen Selbsterforschen. »Chiaroscuro«, ein Werk für Trio hauptsächlich, öffnet sich sphärischeren Klängen. Die geradezu besessene Suche nach dem eigenen, unverwechselbaren Sound ist bereits unüberhörbar. Eine spröde Schönheit vibriert über allen Stücken, die selbst noch den spartanischen Einsatz der Elektronik ganz in sich einverleiben. Schon hier, aber besonders auf »Strjon« erreicht Henriksen eine verhaltene, zugleich vieldeutige und reichhaltige Sphärik. Als würde sich in seiner Musik das Experimentelle mit der Jazztradition und sogar Partikeln von Welt- und Kirchenmusik vermengen, sich dabei aber wie in einer glattpolierten Eisfläche spiegeln, um sich so zu einer neuen Emergenz zu verfremden. Das mag mitunter meditativ anmuten, aber um hier Kitsch zu vermuten, bräuchte es doch ein paar Plusgrade mehr im musikalischen Erleben. »Chron« schließlich deutet fragmentarischere, auch expressivere Soundwelten an, die sich erst nach mehrmaligem Hinhören in die Henrikschen Soundwelten einfügen. Was auch an dem leichten Synthesizereinschlag liegt. Wer sich durch alle 14 Plattenseiten hört, hat so etwas wie eine angewandte Hörerfahrung in northern zen hinter sich, was wohl auch erklärt, warum dem Mann eine derartige Wertschätzung von Fans und Label entgegen gebracht wird. Die ist auch verdient, das ist gar keine Frage. Wäre der Jazz eine Religion, dann wäre das die perfekte, zeitgenössische Kirchenmusik dazu. (Facts: »Solidification« präsentiert das Schaffen Henriksens zwischen 2001 und 2012. Die Doppelalben »Sakuteiki«, »Chiaroscuro« und »Strjon« sind bereits als CD erschienen, in dieser Box wurden sie um Bonustracks ergänzt. »Chron« ist der aktuellste Eintrag in den Werkkatalog. Und natürlich ist alle Musik digitally friendly auf zwei DVDs inkludiert. ?brigens ist Box insgesamt ein wahres Kleinod, nicht zuletzt aufgrund des typisch reduzierten Grafikstils der Rune-Grammofon-Veröffentlichungen.)


Text: Curt Cuisine | 04.02.2013

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