15. 2. 2013, Alte Schmiede in Wien.
Fotocredits:
1: Unbekannt
2: Boštjan Lah
3: Kurt Talos
4: Angela Biedermann
Eine Frau im roten Kleid spielt auf einem riesigen Holzteil, eine andere hat ebenfalls ein ähnliches Holzgerät vor der Nase und bläst hinein. Man sieht nur die Finger auf den überdimensionalen Löchern. Was ist das, ein Fagott? Beim skug-Fest im rhiz sah es im Dunkeln so aus, als ob Maja Osojnik mit einem Roboter knutschen würde, von vorne sah die Riesenflöte wie ein roboterähnliches Wesen aus, hinter dem die Musikerin verschwand. Anschließend zerlegte sie es und sperrte es in einen Kasten. In der Alten Schmiede improvisiert das Low Frequency Orchestra nun zu »Ton-Bildern« von Ingrid Fessler. Maja Osojnik trägt ein rotes ausgestelltes Kleid zu schwarzem Sakko und schaut ganz anders aus als im rhiz. Angelica Castello bedankte sich zu Beginn bei Meina Schellander für den Mut, sie dieses Experiment wagen zu lassen. Und es ist ein gewaltiger Sprung von den 1970-er Jahre -Gedichte-Liedern von Ingrid Fessler, die sich dem Ausdruck »Liedermacherin« verwehrte, zu dieser spontanen Orchestermusik hier. Viele Widerspruchsgeister sind da, flüster, flüster, kritische ältere Semester, die sich amüsieren und nicht leise sein wollen. »Musik!«, ruft einer. Geräusche von dem Holzinstrument, wie von Wassergurgeln, Luft dazwischen, Tuckerei. Matija Schellander streicht vorsichtig den Kontrabass und hält sich zurück. Die Musik hat etwas Langsames, Feierliches, etwas von Schiffsmusik, Rohrleitungen, Gegurgel – auch im Vorraum sind Lautsprecher und die Musik wird übertragen, gleichzeitig werden noch immer Fessler-CDs an Fans verkauft. »Bliblibli«, die nächsten älteren Ladys, die sich unterhalten, die Geräuschkulisse klingt lustig und passt zu der Musik, den Damen ist es zu wenig Action und sie sorgen selbst für die Atmosphäre.
Ingrid Fessler studierte bei einem konservativen Professor Musik, der sie nicht ermutigte und ermunterte, mehr und andere Sachen zu machen und auszuprobieren, erzählte die Musikwissenschaftlerin Irene Suchy in ihrer Einführung. Fessler hätten diese Pätzold-Blockflöten sicher gut gefallen, sie selbst spielte gerne auf der Sitar. »Man muss die Flöten sowieso elektronisch verstärken, dann landet man ziemlich schnell ganz bei der Elektronik«, erklärt Maja Osojnik später. Wie eine Stimme tönt die Riesenholzflöte, man kann über die und durch die hindurch singen. Man hört Töne, die Erinnerungen wachrufen, die man aber nicht genau fest machen oder definieren kann, man kann sich nicht genau erinnern, wo man schon so etwas Ähnliches gehört hat, aber es kommt einem vage bekannt vor. Sanftes Geplätscher in der Fruchtblase? Bei den hohen Tönen halten sich einige die Ohren zu. Sehr mutig, Meina. Ein blinder Junge, der sich bei Fesslers Stimme unruhig vor und zurück wiegte und immer wieder laut aufseufzte, ist jetzt ganz ruhig und spitzt seine Ohren, hört aufmerksam zu.
»Da baut sich Spannung auf, dann kommt die Welle und whoosh, falsche Frequenz«, erklärt ein Mann ein anderes Soundphänomen, das ihn begeistert. In der ersten Reihe tanzt der über 90-jährige Dichter Heinz Brandtner mit durchsichtigen Händen und fragilen Fingern in der Luft. Ein Lufttanz. »Abgetan. Schlagt tot eure Melancholie, denkt nicht zurück an Harmonie, es ist verlorene Müh«, vertonte ihn Fessler auf der CD. Später im Café Engländer zieht Brandtner für Meina dann Fotos aus der Innentasche seines Sakkos, die er bei einem Fessler-Konzert machte und die sie noch nicht kannte. Vergangenheit wird lebendig. »Ich muss protestieren. Sie war nicht nur politisch!«, hatte Brandtner vorher im Vorübergehen in Richtung Meina moniert. »Sie war nicht auf die Gesellschaft bezogen, sondern auf den Menschen. Sie kritisierte die extreme Mitte, die immer die Tarnkappe auf hat und keine Verantwortung übernimmt. Die extreme bürgerliche Mitte lässt die Puppen tanzen und redet dabei immer vom Bösen. Wie es im »Vaterunser« heißt: »Erlöse uns von dem Bösen«, hält ein anderer Künstler Ingrid Fessler seine Version einer Gedenkrede. Sie bleibt vielen Menschen hier ziemlich präsent bis heute.