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»Genau richtig falsch spielen«

Text: Alfred Pranzl | 01.09.2009
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Alvaro ist ein Leuchtturm unorthodoxer Popmusik. Nun kann das, was den lebensbejahenden Ästheten des Kargen ausmacht, in einem einfühlsamen Filmporträt, das meist an seinem Hauptwohnsitz Konstanz am Bodensee spielt, nachvollzogen werden.

Beim »Sonic Protest«-Festival, 2008 in Paris, sah ich die Legende erstmals live, im Zentrum eines Trios, das seine Songs zärtlich rumpelte. Die Musik des Chilenen, der freiwillig ins Popmusik-Mekka London ging, dann aber infolge des Militärputschs gegen die Allende-Regierung nicht zurückkehren konnte, ist herausragend und ebenso die Doku über ihn. Die Herangehensweise von Jochen Hägle und Hans Kotter (Kamera/Redaktion) und Christian Zschammer (Montage) ist darin eine behutsame. Via seiner spartanisch ausgestatteten Küche in einem Wohnhaus in Konstanz am Bodensee oder vor der nüchternen, und doch so reichhaltigen Kulisse eines Schlüsseldienst-Schuhreparatur-Geschäftes, aufgelockert durch Bilder von Konzerten oder Wohnzimmerjams mit dem Bassisten, nähert man sich der faszinierenden Person Alvaro. Zwischen seinen eigenen Aussagen und jenen von weiters Nahestehenden wie der Ex-Ehefrau, einer Nachbarin oder Frieder Butzmann stehen Negativ-Stills, quasi als Kapitelende/-anfang. Derart nimmt Alvaro Gestalt an, wird als Mensch offenbar. Er lässt sein etwas anderes Leben Revue passieren und Details - er spielt Klavier, Keyboards mit Samthandschuhen und hat schwarze Lederschuhe an, mit rotem Herz drauf - lassen auch auf seine Kindheit schließen. Tatsächlich hätte seine Mutter lieber ein Mädchen gehabt und hat Alvaro auch so hergerichtet, wie Archivfotos zeigen. Dieses überbetont weibliche Element in ihm verschweigt er genausowenig wie sein gar nicht so glorreiches Leben in London. Wie in seiner 1962 in Chile gegründeten Gruppe The Dandys spielte er auch bei The 101' ers Saxofon. In jener Band, der auch Joe Strummer angehörte.
Ein Scheißleben hatte er damals, und Flöhe. Alvaros »Drinking My Own Sperm«, aus darauf folgender Punkzeit, trifft ins Schwarze. Der Habenichts nahm keine Drogen, konnte sich auch das Trinken nicht leisten. Da halfen nur noch viel Weinen (»das habe ich von meiner Mutter«) und Beten. Auch heute noch ist er Krishna.

»Ich hab meinen Mann auf dem Flohmarkt gefunden«
Bezeichnend und rührend zugleich: »Ich hab meinen Mann auf dem Flohmarkt gefunden«. Seine Ex-Ehefrau Hilde Schneider vertonte ihre Hommage an Alvaro im Humppa-Rhythmus, festgehalten auf einer Kassette, einem Bodensee-Punksampler, und findet weiterhin schöne Worte für Alvaro: »Als Musiker und als Mensch war er einfach immer nur sich selber, ja. Er hat immer nur das gemacht, was aus ihm herauskam.«
Und Jens-Peter Volk, Alvaros Bassist, hat »von ihm gelernt, dass eigentlich nichts feststeht«. Auch wenn Alvaro herzergreifend »Alvaro de Valparaiso« intoniert, so mag er doch nicht ganz nach Chile zurückkehren. »Alvaro ist ein Allerweltmensch, der sich überall zuhause fühlt«, sagt seine Konstanzer Nachbarin, die auch seine soziale Kompetenz lobt.
alvaro2.jpgBerlin ist ebenso ein klischeefreier Nebenschauplatz dieser Doku. Wegen Frieder Butzmann, seinem großen Fan, selbst aus Konstanz stammender Musiker/Produzent. Butzmann erzählt, wie einfach Alvaros Musik ist, klimpert diese nach, und doch trifft er die Töne nicht so wie der 1943 Geborene. »Seine Musik ist sehr simpel, doch hat Alvaro eine ungeheure Begabung, genau richtig falsch zu spielen«. Etwas Patina liegt wohl auf seiner Musik, was auf das Old-School-Instrumentarium zurückzuführen ist. Im Lebensfrohsinn und im Kargen, in der Besinnung auf das Wenige und Altvertraute - wie sein Wohnumfeld zeigt - liegt eines der Geheimnisse seiner Musik, die sogar einer Tänzerin als Vorlage dient. Und die Worte für wenige Zeilen Liedtext streicht der Poet, der sich auch mal als Werbetexter verdingte, aus zwanzig Blatt Vorschlägen zusammen. Sie sind nicht dümmlich wie so viele Popsongs, sondern geben sich schmucklos und nüchtern, wenngleich auch oft pathetisch. Dies bezeugt ein übersetzter Textauszug von »Made Out Of Wood«, wundersam dargeboten von Hilde Schneider: »Warum bin ich nicht aus Holz gemacht wie Pinocchio? Ich hätt mir dann ein schönes Mädchen genommen, aus einem Rosenbaum geschnitzt. Auf unsere Hochzeit hätten wir alle Bäume der Welt eingeladen, und kleine Büsche auch. Wir hätten dann viele Tage glücklich getanzt zu den Launen des Winds. All unsere Kinder wären einfach gewesen, und so freundlich, bis ans Ende der Zeit.«

Jochen Hägle, Hans Kotter & Christian Zschammer: »Full Dedication ALVARO«
(DVD, birds & bells Filmproduktion)

Text: Alfred Pranzl | 01.09.2009

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