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Im Lo-Fi- Pop-Utopia

Text: Walter Pontis | 06.03.2012
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Ihr Umgang mit Hall und Echo ist ein ganz spezieller. Maria Minerva strahlt mit ihrem Meta-Pop jedoch weit über das Hypnagogic-Pop-Genre hinaus.

Vorbelastet und bestärkt durch ihren Vater, einen renommierten Musikkritiker und Musiker, verließ Maria Minerva (aka Maria Juur) Tallinn, die estnische Hauptstadt, um von London aus ihr Musikprojekt vorantreiben zu können. Nebenher studierte sie im Londoner Goldsmith College Kunst und war für das britische Musikmagazin »The Wire« tätig. In England angekommen wurde ihr avancierter Lo-Fi-Pop geradewegs in die im Moment hippe, etwas esoterische, aber dennoch interessante Schublade des Hypnagogic Pop gepackt. Und sogleich fand sich die Euro-Beat- Chanteuse auf dem Anti-Pop-Label Not Not Fun in Los Angeles wieder, mit gleich vier Veröffentlichungen 2011.

Birne Hélènes + Voltaires Ohren
Minerva_foto_maren_sundt__hansen.jpgDer abwechslungsreiche Lo-Fi-Pop-Mix und die DIYVideoästhetik der nunmehr promovierten Kunstwissenschaftlerin passen vorzüglich ins Internet/ YouTube-Zeitalter. »Lovecool« erinnert an die frühe Goldfrapp sowie an Musik aus »Twin Peaks«, »Laulan Paikse Kaes« wartet mit avantgardistischen Momenten auf, das aktuelle »Kyrie Eleison« klingt mystisch und verhallt. Und ABBAs »Honey Honey« remixt Minerva cool wie sonst keine. Egal in welchem Format (ob auf Album, EP oder Musikkassette) und in welchem Musikstil (ob Bedroom-Disco, Euro-Cheese, House, Avant-Pop oder Experimental), Minervas Pop funktioniert hier, wo man beliebig zwischen den Formaten switchen kann und sich auch nicht an Albumvorgaben halten muss, vortrefflich. Da sind unaufgeregte Disco-Tracks schnell abgewürgt, und schon verweilt man bei all den sophisticated schrägen Bastard-Favorites von Minervas Oeuvre.
Die neue »Sacred & Profane Love«-EP streamt man dann noch ganz einfach von der Website des USamerikanischen »SPIN«-Musikmagazins herunter.
Wen tangiert dann noch, dass das CD-Album in den letzten Zügen liegt ... Apropos Album: Ihr Debüt, »Cabaret Cixous«, benannte Minerva sowohl nach ihrer Lieblingsband, Cabaret Voltaire (ach, ja, die tolle Plattensammlung des Vaters!), als auch nach der französischen Feministin Hélène Cixous. Wiewohl es Minerva dann doch auch (z. B. im Song »Ruff Trade«) versteht, gehörig rumzupusseln: »Put me on the floor, push me against the door, bang me through the wall - this is Ruff Trade.«

Drüber sein, Strahlen
Ein wesentlicher Aspekt für die Faszination an Minervas Musik liegt jedoch in ihrer exzessiven Verwendung der Sound-Effekte Reverb und Delay, also Hall und Echo. Damit steht sie zwar nicht alleine da, das tun gegenwärtig andere, insbesondere im Hypnagogic Pop, auch. Aber mit Hilfe dieser Sound-Effekte transformiert Minerva, gleich einer kreativen Dilettantin, die vielen, diversen Einflüsse (»We are all Prostitutes«!) und bleibt daher mit ihren Glamour-Pop-Abstraktionen nicht im Retro stecken. Um mit Derrida zu sprechen: Minerva spielt einen vortrefflichen Meta-Pop, also Popmusik über Popmusik. ... Und so erstrahlt in diesem Jahr alles in einem wirklich wunderbaren Sound-Effects- Lo-Fi-Pop-Utopia. Thanx.

Maria Minerva: »Bless« (EP, 100% Silk, 2013)
Alle weiteren sind auf Not Not Fun erschienen.
Maria Minerva & LA Vampires: »The Integration LP«
(Vinyl LP, 2012)
Maria Minerva: »Will Happiness Find Me?«
(CD/LP, 2012)
Maria Minerva: »Tallinn at Dawn« (Debüt-Cassette, 2011)
Maria Minerva: »Noble Savage« (EP, 2011)
Maria Minerva: »Cabaret Cixous« (Album-Debüt, 2011)
Maria Minerva: »Sacred & Profane Love« (EP, 2011)

Text: Walter Pontis | 06.03.2012

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