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Future Dancehall Infection: The Bug

Text: Heinrich Deisl | 26.09.2008
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London: ein Moloch, ein Zoo. Der aber auch in allen Farben schillert und ständig vibriert. Kevin Martin aka The Bug hat auf seinem aktuellem Album »London Zoo« (Ninjatune) tief in den Schichten der britischen Hauptstadt gegraben und fördert dangerous crossroads zwischen imperialer Geschichte, Sonic Fiction und Dancehall-Bass zutage.


Immer wieder Dub

Kevin Martin an einem schwülen Sommernachmittag mitten in Wien: Für einen großen Sportartikel- ausstatter hat er einen zum mobilen Soundsystem umfunktionierten VW-Bus erklommen und knallt den doch etwas vor den Kopf gestoßenen Passanten sein Live-DJ-Set auf satter Club-Lautstärke um die Ohren. Der Urban-Loritz-Plan in unmittelbarer Umgebung des Westbahnhofs vibriert wegen der satten Bässe. Später wird er sagen, die Situation habe ihn an einen seiner Lieblingsfilme »Ghost Dog« und den darin vorkommenden haitianischen Eisverkäufer Raymond erinnert.

In seiner Jugend spielte Kevin Martin Saxofon und ließ sich von Pharoah Sanders, Albert Ayler und Peter Brötzmann inspirieren. Nach experimentellen Projekten wie ICE und GOD wandte er sich zu- sammen mit Justin Broadrick (Napalm Death, Godflesh) der Dub-infizierten Noise-Elektronik zu und für ein paar Jahre definierten sie als Techno Animal den Stand der Dinge. Seine für Virgin Rec. 1995 und 1996 kompilierten DCD-Serien »Macro Dub Infection Vol. 1 & 2« und »Jazz Satellites« gelten als legendär. Mit The Bug, Ladybug, King Midas Sound und Razor X (zusammen mit Rootsman) war er für zahlreiche Platten verantwortlich, die der sonischen Bassforschung einen Quantensprung verpassten. Was Wunder, dass ausgerechnet Spectre, Labelchef von Wordsound, Martin 1995 zur Initialisierung von The Bug brachte und er auf Mark Stewarts aktuellem Album »Edit« mitmischt. 

 

Seit ein paar Jahren ist er nun solo unterwegs und arbeitet mit MCs wie Tippa Irie, Ricky Rankin oder Flowdan. Remixe für Grace Jones, Primal Scream oder Einstürzende Neubauten gehen ebenfalls auf sein Konto. Gemeinsam mit Dubstep-Produzent Loefah veranstaltete er ab 2006 in London die monatliche Clubnacht »BASH«. »Es wurde mir irgendwann zu langweilig, für weiße Jungs vorher- sehbare Shows zu spielen. Mein Bekanntenkreis umfasst viele Nationalitäten, weshalb es für mich wichtig ist, eine möglicht große demografische Vielfalt des Publikums zu haben. Dub war dabei immer schon der Referenzpunkt. Vor fünf oder sechs Jahren lernte ich Leute wie Kode9, Burial, Spaceape, Scream und Skull Disco kennen. Klar wurde durch den Dubstep-Boom meine Musik sehr populär und es war interessant, von Anfang an dabei zu sein. Nichts desto trotz sehe ich für Dubstep das Problem, dass daraus nur ein weiteres, ehemaliges Dance-Genre werden könnte, denn es hat viel von seinem interkulturellen Mischmasch verloren. Grime dagegen ist sehr lokal fixiert, hat praktisch eine hermetische Szene und wird fast ausschließlich von Schwarzen produziert. Was immer wieder zu Repressionen von öffentlicher Seite führte.«

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Welcome to the Jungle

Nachdem 2003 sein letztes Bug-Album bei Rephlex/Klein erschienen war, brauchte es für »London Zoo« mehr als zweieinhalb Jahre zur Fertigstellung. »Es war ein sehr harter Prozess für mich, diese Platte zu produzieren. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Fulltime-Scheibe veröffentlichen müsste, aber eigentlich gefällt mir diese Fixiertheit nicht. Denn was ich an Dub und seinen Spielarten so schätze, ist seine Beschleunigung und seine permanente Mutation. Mir wäre eine 7''-Compilation lieber gewesen. Außerdem empfinde ich es als sehr schwer, dieses Publikum zufrieden zu stellen. Ich glaube, dass es so etwas wie ein universelles oder internationales Set von Emotionen gibt. Nicht Downloads machen die Musik kaputt sondern ihre Sterilität. Ich mag das ursprüngliche Bedürfnis der Menschen nach Musik.«

 

London dient dabei als emblematischer Durchlauferhitzer. Wegen seiner Geschichte immer schon Ort des transkontinentalen Austauschs und der metaphysischen Transformation, spiegelt sich in »London Zoo« Martins Blick auf diese Stadt. Weit davon entfernt, einen apokalyptischen Soundtrack zu liefern - eine Zuschreibung, unter der seine Audio Science nur zu gerne firmiert -, betreibt Martin Rootsforschung jamaikanischer Musik mit ausgeprägtem Maschinen-Exkurs für das (post-)indus- trielle Zeitalter. Was umso virulenter wird, wenn man sich die aktuelle Dancehall-Compilation »An England Story 1983—2008« (Soul Jazz) anhört: Das Wissen um Geschichte wird von Martin am offensichtlichsten über die MCs hereingeholt und - ähnlich wie bei Rhythm & Sound - mit Laptop, Effektpedalen und Plattenspielern ein Update des Soundsystem-Set-Ups bereitgestellt, das an die Futurhythmaschine des Dancehall andockt.

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Dabei verortet sich auch die spirituelle Ausrichtung neu, welche nun in Richtung Gibsons »Neuromancer« und dessen Kino-Clon »Matrix« weist. »London Zoo« ist eine der zugänglichsten Platten von The Bug, voll von zwingenden Tanzgrooves und Hitnummern: Die Single-Auskoppel- ungen »Angry« und besonders »Poison Dart« (mit Martins »Stamm«-MC Warrior Queen) erwiesen sich als Heavy-Rotation-Knaller. Klar geht es auf der Platte des Öfteren recht explizit zur Sache, die sonst weit verbreiteten sexistischen Stumpfsinnigkeiten bleiben indes komplett draußen. Dafür ist Kevin Martin zu sehr intellektueller Gentleman. »Ich liebe den Antagonismus in den direkten Dancehall-Lyrics, obwohl ich den Großteil dessen und die Homophobie im Dancehall zum Kotzen finde.«

 


London - Babel

»London Zoo« macht keine Abrechnung mit dieser Stadt; Auch wenn Martin im Interview damit hart ins Gericht geht. Der »Kultstatus« der Stadt erweist sich als Schimäre: »Ich glaube nicht an eine harmonische Globalisierung, auf »London Zoo« habe ich nur komprimiert, was ich sehe. Ich wollte mich in meiner Musik verlieren und habe mich dafür in mein Studio in Hackney verzogen. Dort ist es echt Hardcore. Eine Methadon-Klinik gleich daneben. London ist eine sehr fordernde und parasitäre Stadt, die Mietpreise sind katastrophal. Teil des Charmes der Stadt ist sein kosmopolitischer Reichtum und dass sich Musikkonzepte so schnell ändern. Daher habe ich für die Platte versucht, sowohl schöne wie schmutzige Elemente zu integrieren.«

Schweißbedeckt tanze den Untergang, das Morgen wird strahlend sein.

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Text: Heinrich Deisl | 26.09.2008

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