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skug # 98, 04 - 06/2014

Text: | 07.04.2014

Editorial  Vol. 98

skug_cover_98.jpgDer in dieser Ausgabe vorgestellte Artikel »Old Wolves of Wall Street« von Benedikt Frank öffnet einen weiten Reflexionsraum zum katastrophalen Versagen demokratisch gewählter Politiker gegenüber der monströsen Macht des Kapitals - man denke nur an die intransparenten Verhandlungen beim Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA. Und wenn sich dieser Tage unser Blick weiterhin gebannt gen Osten richtet, dann bestätigen die dortigen politischen Verhältnisse - über spezifische historische Bedingtheiten hinaus - einmal mehr die Folgen einer sich längst global erstreckenden Ökonomisierung, die den Einzelnen wie auch die Gesellschaft im Innersten erfasst hat.

War nicht noch vor einem viertel Jahrhundert in dieser Weltgegend das Streben nach individuellem materiellem Glück mitverantwortlich für den triumphalen Sieg über den nur durch Unterdrückung aufrechtzuerhaltenden Gegenentwurf namens »Sozialismus«? Mit dem Ende des sowjetischen Imperiums haben schließlich Weltbank und US-Berater wesentlich dazu beigetragen, dass sich in dessen Nachfolgestaaten Oligarchen als »Stabilisierungsfaktor« rasch des Volkseigentums bemächtigten. Diese installierten auch den Jelzin-Nachfolger Putin, der bis zum heutigen Tag den Zusammenbruch der UdSSR als große geopolitische Niederlage empfindet. Und so bilden Nationalismus und Chauvinismus im Verbund mit der orthodoxen Kirche die Grundpfeiler eines Putinismus, dessen autoritäre Herrschaft durch permanente Schaffung von Feindbildern, vorzugsweise äußeren, gesichert bleiben soll. Es ist daher folgerichtig, dass in Russland (und nicht nur dort) Randgruppen wie Homosexuelle aus populistischmachterhaltenden Motiven heraus verfolgt werden.

Aber stellt sich die Lage im heutigen Amerika, das seine liberale Flagge als kategorischen Imperativ vor sich herträgt, War nicht noch vor einem viertel Jahrhundert in dieser Weltgegend das Streben nach individuellem materiellem Glück mitverantwortlich für den triumphalen Sieg über den nur durch Unterdrückung aufrechtzuerhaltenden Gegenentwurf namens »Sozialismus«? Mit dem Ende des sowjetischen Imperiums haben schließlich Weltbank und US-Berater wesentlich dazu beigetragen, dass sich in dessen Nachfolgestaaten Oligarchen als »Stabilisierungsfaktor« rasch des Volkseigentums bemächtigten. Diese installierten auch den Jelzin-Nachfolger Putin, der bis zum heutigen Tag den Zusammenbruch der UdSSR als große geopolitische Niederlage empfindet. Und so bilden Nationalismus und Chauvinismus im Verbund mit der orthodoxen Kirche die Grundpfeiler eines Putinismus, dessen autoritäre Herrschaft durch permanente Schaffung von Feindbildern, vorzugsweise äußeren, gesichert bleiben soll. Es ist daher folgerichtig, dass in Russland (und nicht nur dort) Randgruppen wie Homosexuelle aus populistischmachterhaltenden Motiven heraus verfolgt werden. Aber stellt sich die Lage im heutigen Amerika, das seine liberale Flagge als kategorischen Imperativ vor sich herträgt, für Außenseiter wie Dorian Wood (unsere Cover-Geschichte) wirklich als eine so viel bessere dar? Nicht erst die SF-haften NSA-Enthüllungen lassen dabei tiefe Skepsis aufsteigen. Man denke nur an die hilflose Weigerung eines sich stets vorbildlich liberal gerierenden US-Präsidenten, die Finanzmärkte nach dem desaströsen Crash 2008 - der den USA auch sprunghaft ansteigende Armutswerte brachte - radikal zu regulieren. Die strukturelle Gewalt des (Finanz-)Kapitalismus, wie sie etwa ein Jean Ziegler unermüdlich anprangert, agiert heimlicher, aber nicht weniger menschenverachtend und ist hauptverantwortlich für weltweite Migrationsströme. Das Recht auf Arbeit (35-Stunden-Woche, Prekariat ...) ist in den reichen westlichen Staaten genauso bedroht wie anderswo, etwa in Asien, wo Millionen Menschen in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen gehalten werden. Und so werden, wie Frank in seiner Analyse verfilmter Verbrechen in der Hochfinanz bemerkt, weniger diese Tatsachen abgebildet, als vielmehr mystifizierte Machenschaften und dekadente Lebensweisen affirmativ belichtet. »Hollywood gibt dem Publikum die Bilder, die es sehen will.« Die Masse »will« das Spektakel. Wenn schon nicht Brot, dann kriegt sie Spiele. Egal ob Olympische oder eine Fußball-WM. Die wachsende Ungleichheit bedroht jedoch nicht allein autoritär gestimmte Regime, wie in Russland oder im arabischen Raum, sondern höhlt auch europäische Demokratien aus, wo aufgrund der Deregulierung der Finanzmärkte und der neoliberalen Agenda der EU Politik zu Gunsten interventionistischer Konzernlobbyisten und kapitalmehrender Spekulanten und gegen die Interessen der Bürger gemacht wird. skug hingegen gibt den LeserInnen nicht, was sie wollen, sondern was sie brauchen - um bei all dem populistischen Spektakel nicht die Lust am Widerstand zu verlieren.

skug #97-Mixtape auf Byte.FM: Montag, 5.5. 2014, ab 24 Uhr
skug #99, 7-9/2014 erscheint im Juli 2014
 

edi1_98.jpg15. 10. 2011: weltweite Proteste in 950 Städten und 82 Staaten, inspiriert vom Arabischen Frühling, den spanischen Indignados und der Occupy-Bewegung. 500.000 Demonstranten in Madrid, initiiert von sozialen Netzwerken wie Democracia Real YA oder Juventud Sin Futuro.
Foto © Clara Wildberger

Inhalt vol. 98


/ sound
Bill Orcutt: Bravouröser Avantgarde-Blues
Dorian Wood: Der Kalifornier überwindet Genre- und Gendergrenzen mit Stimme, Performance und Körper
Rashad Becker: Fiktive Fieldrecordings: Mastering-Mastermind als Musiker
Bilderbuch: Boliden von hinten aufgezäumt, aufgemotzt mit Auto-Tune und HipHop
Fenster: In den Spiegel geblickt: vom Brunnenboden und Türknarzen zu mysteriösen Atmosphären
William Bennett: Cut Hands Meditations on drums: William Bennetts Voodoo-Elektronik-Percussions
Desmadrados Soldados de Ventura: Soundwälle mit dem neunköpfigen Gitarrenlärmungeheuer
[goubran] Ein ungelehriger Österreicher: der Essayist als Songwriter
Charlemagne Palestine: Klavierexerzitien, Teddies als Totem und schamanistischer Minimalismus

/ reviews

Bulbul, Arturas Bumšteinas, Clemens Band Denk, Kreisky, Fatima Al Qadiri, Lydia Lunch/Zahra Mani/Mia Zabelka, Planningtorock, Sleaford Mods, Tom Wu, Žen ...

/ culture
live previews: Eleni Mandell, »Muchogusto« & Sun Ra Arkestra im Porgy & Bess, donaufestival, Kaleidophon Ulrichsberg, Melt-Banana, NÖ Viertelfestival, Bliss 01, Into the City, Cristina Branco, Anoushka Shankar im Wiener Konzerthaus, 1. Elektroakustik Festival Wien, Heart of Noise, Jazz Fest Wien
art: Whitney Biennale, Santiago Sierra

/ thinkable
Diedrich Diederichsens »Über Pop-Musik«
Simon Critchleys Ode an David Bowie (Vol. 2)
»DJ Culture in the Mix«
Libertatia - Auf der Pirateninsel mit Ja, Panik

/ film
Wolves of Wall Street, Cumshot in den Beichstuhl - Wenzel
Storch-Buch, Alejandro Jodorowsky Collection,
Sexy Music Film Beast - Crossing Europe 2014

/ readable
Autobiografische Comics von Gabrielle Bell
Biografisch-Schlagkräftiges zu Ginger Baker,
Friederike Mayröckers »études«
Bernie Krause über den Ursprung der Musik in der Natur
Banana Yoshimotos »Der See« ...
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/ Kolumne
Warum und wie sich Noël Akchoté auf die Fußball-WM vorbereitet

Crossing Europe-Musikfilm:
»Texta In & Out«
© VeryVary Filmproduction

 

aktuelles auf www.skug.at

/sound
Paperlapop mit Kevin Drew, Midlake, Broken Bells, Wild Beasts
/franglais
Interview mit Karen Gwyer

TERMINE skug-Empfehlungen gegen den Alltag

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Coverfoto: Dorian Wood von Magdalena Blaszczuk

skug # 98, 4--6/2014 um € 4, erhältlich in gut sortierten läden , bzw. unter skug.at/abo

Text: | 07.04.2014

Referenzen:

  • skug : 98

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