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Vitale afro-peruanische Kultur

Text: Michael-Franz Woels | 06.06.2014
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In Peru, wo für das indigene Volk der Jaquarus die Vergangenheit vorne und die Zukunft hinten liegt, kam es trotz Verboten seitens der spanischen Kolonialherren zu Vermischungen mit afrikanischen Sklaven. Ein Gespräch mit Ricardo Quiñonez, Leader der Band Tamalito, die am 8. Juni live in Wien gastiert, gibt Einblick in die afro-peruanische Welt.

Vor mehr als zehn Jahren entstand Tamalito als musikalisches Projekt mit wechselnden Musikern aus den unterschiedlichsten Regionen und Ländern Lateinamerikas, die sich in regelmäßigen Abständen in Österreich treffen, um gemeinsam zu musizieren. Zur Entstehung des Bandnamen gibt es folgende Geschichte: Tamal ist ein sehr beliebter Snack in Südamerika - Maisteig gefüllt mit diversen Ingredienzien wie Huhn, Ei, Oliven und Gemüse. Anfangs sagte man nach den Proben: »'tamalitoaún, vamoacomé un tamalito«, eigentlich wollte man sagen: »Aún está mal, vamos a comer un tamalito«. Sinngemäß übersetzt bedeutet das so viel wie: »Es passt noch nicht, lasst uns Tamal essen gehen!« Ricardo Quiñonez, Multiinstrumentalist und Sänger der Gruppe Tamalito, zählt Musik aus den Anden, afro-peruanische Musik, la Nueva Canción und moderne lateinamerikanische Musik zu seinem Repertoire. Die Erforschung und Erhaltung sowie die Verbreitung dieser Kultur und Musik sind dem Peruaner ein starkes Anliegen, im Jänner 2014 besuchte er aus diesem Grund auch das vom Aussterben bedrohte indigene Volk der Jaqarus. Ihre Sprache Jaqaru ist die älteste in Peru gesprochene Sprache. Die ursprünglichen Musikinstrumente der Jaqarus existieren bereits nicht mehr.

skug: Anfang 2014 besuchten Sie das Volk der Jaqarus. Können Sie uns kurz über Ihre Erlebnisse mit diesem indigenen Anden-Volk erzählen?
Ricardo Quiñonez:
Die Jaqarus sind eines der ältesten Völker Amerikas und vom Verschwinden bedroht. Es gibt nur mehr ein paar hundert Menschen, die noch die Sprache sprechen. Sie sind in der Region Yauyos, in den Anden Limas beheimatet. Es gibt noch keine Straße, die zu ihrer Ortschaft führt. Vielleicht ist das der Grund, dass es sie noch gibt. Ich wurde vor ungefähr dreißig Jahren auf sie aufmerksam und neugierig, da ich selber vom Volk der Aymaras abstamme, welches rund um den Titikakasee beheimatet ist. Die Jaqarus sind Sprachverwandte der Aymaras obwohl sie mehr als tausend Kilometer voneinander entfernt leben. Es ist schade, dass mit ihrem Verschwinden auch eine ganz spezielle Weltanschauung verloren geht. Ein Beispiel ist die Wahrnehmung der Zeit: Für sie liegt die Vergangenheit vorne und die Zukunft hinten. Dieses Denkmodell verlangt, immer wenn es um eine Entscheidung geht, die Vergangenheit vor Augen zu behalten. Die wörtliche Übersetzung für die Vergangenheit ist: »Die Zeit vor den Augen«.

Inwiefern hat sich in Peru die Musik der Afrikaner mit jener der Ureinwohner vermischt?

Während der spanischen Kolonisation (1532-1821) wurden ungefähr 95.000 Afrikaner als Sklaven nach Peru gebracht. Sie wurden als Arbeiter auf den Plantagen eingesetzt. Der Sklavenhandel dauerte dann bis 1854 an. Die Mischung zwischen Afrikanern und Einheimischen wurde streng verboten und mit unmenschlichen Strafen vergolten. So wurden Afrikaner, die ein Verhältnis mit einer Einheimischen hatten, kastriert und den Afrikanerinnen wurde ein Ohr abgeschnitten. Trotz dieser Verbote kam es zu einer Vermischung und im Laufe der Zeit gab es auch Veränderungen in der Musik. Ein Beispiel für diese musikalische Mischung ist der Rhythmus Tondero, der im Norden Perus gespielt wird. Er beinhaltet afrikanische, Gipsy- und Anden-Rhythmen und wird im Allgemeinen mit Gesang, Gitarre, Cajon und Palmas (Händeklatschen) interpretiert. In den Anden gibt es afro-peruanische Tanzgruppen. Die Tänze werden meistens von der indigenen Bevölkerung durchgeführt: Los Negritos in den Zentralanden, Los Caporales im Süden sind afro-andinische Tänze, die in großen Gebieten der südamerikanischen Anden zu finden sind und jeweils einen unterschiedlichen Grad an afrikanischen Elementen beinhalten.

Gab es wie etwa in Brasilien auch Verbote, afrikanische Instrumente zu spielen?
Ja, es existierte während der spanischen Kolonialzeit ein allgemeines Verbot von afrikanischen und einheimischen Musikinstrumenten, da afrikanische Trommeln von den Kolonisatoren als Kommunikationsmittel mit den afrikanischen Göttern betrachtet wurden. Afro-peruanische Musik begann im Verborgenen, in der Regel in den Palenques, informellen Gemeinschaften, die von geflüchteten Schwarzen gegründet wurden. Aus Mangel an Trommeln verwendete man einfache Kisten, die ursprünglich für den Transport von Fisch und Orangen bestimmt waren, als Instrument. Diese Kisten waren die Urform des Cajon, eines Percussioninstruments das in Europa inzwischen auch häufig verwendet wird.

Wie gelang es den Afro-Peruanern, eine Geheimkultur entwickeln? Ihre Religion durften sie ja nicht ausüben und mussten neue Namen in ihrer neuen »Heimat« annehmen. Beides war ein besonders perfider Angriff auf die menschliche Identität.
Trotz ihrer beklagenswerten Situation schafften es verschiedene afrikanische Gruppen, sich zu organisieren. Die geflüchteten Sklaven bildeten freie Gemeinschaften, in denen sie verschiedene afrikanische Bräuche praktizierten. Die Sklaven organisierten sich in katholischen Gruppierungen, die die heilige Maria als Schutzpatronin verehrten. Die meisten der Sklaven gehörten den Plantagen an, die die katholische Kirche verwaltet hat. Diese Gruppierungen leisteten sich gegenseitige Hilfe und Unterstützung im Falle von Krankheit, Tod, Eheschließungen und auch um Geflüchteten zu helfen. Nach den katholischen Zeremonien tanzten sie heimlich für Nyamatsamé oder Zanajari - afrikanische Gottheiten - die schließlich mit der Zeit verschwanden. Derzeit manifestiert sich afro-peruanische Religiosität in der Regel innerhalb des katholischen Glaubens.

Wirkte sich die Abschaffung der Sklaverei positiv auf die die Afro-Peruaner aus bzw. können Sie weitere Besonderheiten dieser Kultur schildern?
Das Leben der Afro-Peruaner in der Kolonie und in Teilen der Republik war geprägt von einer Reihe von tragischen Ereignissen, im allgemeinen waren das Aufstände. Die Abschaffung der Sklaverei erfolgte erst dreißig Jahre nach der Erklärung der Unabhängigkeit im Jahre 1854. In Wahrheit kaufte der peruanische Staat unter Präsident Ramon Castilla die Sklaven, um ihnen die Freiheit zu schenken, ohne sich danach weiter um sie zu kümmern. In den Statistiken verringert sich über die Jahrhunderte hinweg die Anzahl der Afro-Peruaner drastisch. Im Jahre 1791 waren 60% der Bevölkerung Limas Afro-Peruaner. Nach offiziellen Angaben existierten von Afro-Peruanern bewohnte Orte bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts nicht. Heute stellen sie zwischen 3 und 5% der Bevölkerung dar und sind auf Lima, die Hauptstadt von Peru, und die Küstenregionen verteilt. Obwohl versucht wurde, alle afrikanischen Kulturelemente auszulöschen, blieben einige Dank der Musik und des Tanzes erhalten.

Wie sieht die politische Situation der afro-peruanischen Minderheit derzeit aus und gibt es zumindest Anstrengungen, diese Kultur zu bewahren?
Afrikaner, Zambos (afrikanischer und indianischer Elternteil) und Mulatten, der afro-peruanischen Anteil der Bevölkerung, machen zwischen 3 und 5% der fast dreißig Millionen Peruaner aus. Der peruanische Staat erkennt sie nicht als Volksgruppe an, und es scheint so, dass auch bei der afro-peruanischen Bevölkerung selbst kein Interesse besteht, als ethnische Gruppe anerkannt zu werden. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie in verschiedenen geografischen Regionen Perus leben. Es gibt somit keine afro-peruanische Bewegung oder Partei. Die aktuelle afro-peruanische Kultur wird erst seit Mitte der 1970er gefördert - vor allem die Musik, der Tanz und die Literatur. Mittlerweile gibt es Institutionen, die sich für die Erhaltung der afro-peruanischen Kultur einsetzen.

Welche speziellen Instrumente und Rhythmen findet man in der afro-peruanischen Musik?
Es gibt Dutzende von Musikinstrumenten. Die wichtigsten Elemente der afro-peruanischen Musik sind die Caja (Handtrommel), Cajón, Gitarre, Palmas (Händeklatschen), Cencerro (ähnlich einer Kuhglocke), Löffel, Güiro (ein Schrapidiophon), Zapateo (ähnlich wie das Steppen). Andere Percussioninstrumente, wie der Kieferknochen eines Esels, sind selten in Gebrauch. Die beliebtesten Rhythmen sind: Festejo, Lando, Zamacueca, Panalivio.

Von woher kamen die Afrikaner, die als Sklaven nach Peru geholt wurden? Und welche Glaubensvorstellungen brachten diese Afrikaner nach Peru?
Die ersten Afrikaner kamen gemeinsam mit den spanischen Konquistadoren im Jahr 1532. Sie wurden als Soldaten in verschiedenen Schlachten zwischen Spaniern und den Einheimischen eingesetzt, später dann auch in den Kämpfen zwischen den Eroberern. Während der Kolonialzeit wurden sie wie Ware behandelt. Sie setzten sich aus verschiedenen ethnischen Gruppen aus Guinea, Angola und dem Kongo zusammen. Die mitgebrachten afrikanischen Bräuche verschwanden und mit der Zeit bildete sich eine vermeintliche kulturelle Gleichförmigkeit hauptsächlich basierend auf afro-peruanischer Musik und der katholischen Religion. Es gibt auch Manifestationen des Synkretismus.

Welche anderen Minderheiten gibt es in Peru? Seit wann gibt es diese und in welchen Gegenden?
Der peruanische Staat erkennt 72 ethnische Gruppen an. Laut Statistiken besteht die größte Gruppe aus den Eingeborenen, genannt Amerindios ~ 45%; gefolgt von Mestizen 37%, ~ 15% Weiße, 3% Afro-Peruaner , ~ 3% Asiaten, vor allem Chinesen und Japaner. Die indianischen Eingeborenen bilden die autochtonen Minderheiten und sie sind in den östlichen Anden und im Amazonasgebiet zu finden. Es gibt auch europäische Minderheiten, hauptsächlich Nachkommen der Spanier, genannt Criollos. Sie haben großen politischen Einfluss. Der Großteil der Bevölkerung wird von den Nachkommen der Ketschuas, Aymaras und den Mestizen gebildet.

Von den ursprünglichen Glaubensvorstellungen blieb wohl wenig übrig? Die Missionierung christlicher Kirchen hat ja enormen Schaden angerichtet ...
Die europäische Einwanderung begann vor allem mit der spanischen Eroberung von Peru im Jahre 1532. Im 19. Jahrhundert stieg sie erheblich an. Es wanderten vor allem Italiener, Engländer, Franzosen, Deutsche, Portugiesen und Kroaten ein, die sich in der Regel in den großen Städten wie Lima niederließen. Bis ins letzte Jahrhundert hinein unterstützte die peruanische Regierung die europäische Einwanderung, einerseits um das Land zu besiedeln und anderseits um »die Rasse zu verbessern«. Es gibt auch eine österreichische Kolonie in den Zentralanden, Pozuso, deren Bewohner in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einwanderten. Der katholische Glaube wurde zur Staatsreligion und die einheimischen Religionen der Mehrheit der Bevölkerung - der südamerikanischen Ureinwohner - wurden systematisch verdrängt. Die Afro-Peruaner wurden assimiliert. Derzeit dringt das Christentum in seinen verschiedenen Erscheinungsformen bis in die entlegensten Ecken Perus vor. Viele christliche Kirchen »arbeiten«, also missionieren, nun in den letzten Gebieten, in denen es noch eine indigene Kultur gibt.

Ist ein Wandel, eine Veränderung in der Einstellung zu den Afro-Peruanern zu bemerken?
Die herrschende Klasse Perus fördert eine Segregations-Gesellschaft. Im Fernsehen werden meist idealisierte hellhäutige Menschen gezeigt. Die Afro-Peruaner kennen Unterdrückung, seit sie als Sklaven gebracht wurden - zuerst von den Weißen und dann von den Mestizen an den Rand gedrängt, gedemütigt, negativ stigmatisiert. Erst seit dem Ende des letzten Jahrhunderts gibt es eine Neubewertung, eine Anerkennung der afro-peruanischen Kultur, obwohl in Peru auch aktuell noch Rassismus bemerkbar ist. Derzeit kann man wieder eine verstärkte Präsenz der afro-peruanischen Kultur fühlen - insbesonders über Kulturprogramme, Programme zur Förderung des Tourismus und vor allem in der Musik. In den letzten Jahren gewinnt die afro-peruanische Kultur an Boden - vor allem in den Bereichen Musik, Tanz und Literatur. Rhythmen wie Lando, Zamacueca, Festejo werden nun als nationale Identität empfunden. Man könnte sogar sagen, dass die afro-peruanische Musik bereits einen Teil der peruanischen Identität darstellt. Durch Künstlerinnen wie Susana Baca und Eva Ayllón erhielt die afro-peruanische Musik einen Platz in der internationalen Gemeinschaft. Es gibt auch moderne afro-peruanische Musik, ein Beispiel ist der Song »Festtroni-K« der Gruppe La Fabri-k. Ein anderes Beispiel ist »Jazz Afroperuano« von Gabriel Alegría oder Peruvian Jazz. Im Bildungsbereich gibt es Projekte wie das Centro Cultural Afroperuano. Seit 2006 wird am 4. Juni der Tag der afro-peruanischen Kultur gefeiert. In der Politik gibt es Organisationen wie Lundu afroperuanas, ein Studienzentrum für afro-peruanische Anliegen. Ein Ziel ist die Bekämpfung des Rassismus und aller Formen der Diskriminierung. Eine der führenden Personen ist die Journalistin, Sängerin, Dichterin und Aktivistin Monica Carrillo Zegarra. Vor vier Jahren entschuldigte sich die peruanische Regierung offiziell bei der afro-peruanischen Bevölkerung für die Sklaverei. All diese Entwicklungen geben wirklich Grund zum Optimismus: die afro-peruanische Kultur wird als Teil der peruanischen Gesellschaft revitalisiert und etabliert.



Tamalito live: 8. Juni 2014
Acabar Primero, Hermanngasse 7, 1070 Wien
www.tamalito.com

Weitere Links:

4. Juni, Tag der afro-peruanischen Kultur
Centro Cultural Afroperuano
Lundu (Studienzentrum für afro-peruanische Anliegen)
Museo Afroperuano 
Afro-peruanische Instrumente
Zur Geschichte und Situation der Afro-Peruaner
Afro-peruanische Tänze
Zapateo (Stepptanz)
Peru Negro 
Peruvian Jazz
Dokufilm mit Susana Baca: »Tras la large noche«

Text: Michael-Franz Woels | 06.06.2014

Referenzen:

  • Artist: Ricardo Quiñonez, Tamalito

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