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Preacher of the Primitive: Reverend Beat-Man

Text: Christian König | 16.07.2015
Wie kein anderer predigt und lebt der Schweizer Musiker Beat Zeller den Spirit des puren, primitiven Trash-Rock’n’Roll. Ob als One-Man-Band aka Reverend Beat-Man auf Dauertour, mit seiner brachialen Garage- Punk-Band The Monsters oder als rastloser Betreiber des Labels Voodoo Rhythm – und das alles mit 110-prozentigem Einsatz für die Sache.

Im Anfang war der Name. Aus Beat Zeller wurde der Beat-Man. Der Beat wollte immer schon Comic- zeichner werden, das war ein Traum von ihm. Er hat eine Figur gezeichnet, den Beat-Man, der kleine Bruder vom Batman, der alles falsch macht. Dann haben alle Leute Beat-Man zu ihm gesagt. Selbst die Großmutter hat ihn so genannt, sagt der Beat-Man. Und – ein bisschen augenzwinkernd – im Pass stünde auch Beat-Man. Dieses Detail, ob wahr oder erfunden, passt wunderbar zu seiner Geschichte, zum über die Jahre gewachsenen Mythos. Hier bestätigt sich eine uralte Rock’n’Roll-Weisheit. Es geht nicht um Aussehen, technische Könnerschaft am Instrument und schon gar nicht um das in den gegenwärtigen Talentschauen gepflegte Dogma vom guten Gesang. Es geht einzig und allein um eine gute Geschichte. Und am besten wird diese vorgetragen von jemandem mit einer ordentlichen Portion Eigensinn.

Ist da jemand?
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Beat Zeller begann mit seinen Aktivitäten schon in den frühen 1980ern und hat in seiner langen Karriere viele Höhen und Tiefen durchlebt. Die letzten Jahre beweisen jedoch, dass sich die alte Tugend des kom- promisslosen Festhaltens an der eigenen Vision bei dementsprechender Ausdauer bezahlt macht. Nach einem 2009 für ihn glücklich ausgegangenen Konflikt mit der Schweizer Verwertungsgesellschaft SUISA steht sein Lebenswerk Voodoo Rhythm nun auf sicheren Beinen (einzig der niedrige Frankenkurs macht ihm zu schaffen).
Besonders in der Schweiz wird sein Wirken in letzter Zeit verstärkt wahrgenommen. So war er im Herbst 2014 einer der Nominierten des innovativ konzipierten Schweizer Musikpreises. Die breite Musikpresse jedoch ignoriert Reverend Beat-Man und sein Label Voodoo Rhythm. Zu roh, zu räudig, zu verschroben? Die Ignoranz gerade jener Medien, die sich gehaltvollen Indie-Qualitätsjournalismus auf die Fahnen heften, ist dann aber doch etwas erstaunlich. Mittelmäßige Produkte angepasster weißer Mittelstandsknaben werden regelmäßig als der neue Hype gehandelt. Musik mit Ecken und Kanten sinkt unter die Wahrnehmungs- grenze.
Der gewitzte Beat-Man hingegen bewegt sich in seiner eigenen Welt, bevölkert mit wundersamen Gestalten diverser noch nicht völlig vereinnahmter Rock’n’Roll-Subkulturen, die an einem eigentümlichen Amalgam aus Rock’n’Roll, Punk und dreckiger globaler Folk- musik arbeiten. Hier geht es nicht um Lifestyle oder um bloßen musikalischen Erfolg, sondern hier geht es noch einmal ums Ganze.

Too Much Monkey Business
Beat Zeller erblickt 1967 im Berner Arbeiterviertel Länggasse – Heimstätte der Toblerone-Fabrik – das Licht der Welt. Im Laufe der 1960er Jahre wird die Gegend baulich aufgewertet, und so zieht seine Familie aus finanziellen Gründen aufs Land in die kleine Ortschaft Hinterkappelen in der Nähe von Bern. Schon früh hört der kleine Beat den Ruf des Rock’n’Roll. Der Vater hat in den 1950er Jahren in einer Rock’n’Roll-Band gespielt, und eine Tante hat der Familie den Inhalt der Jukebox ihres Lokals vermacht. Diese Singles waren anfangs die einzige Möglichkeit im Hause Zeller, neuere Popmusik zu hören. Der kleine Beat und sein älterer Bruder Ludwig hören mit Begeisterung Elvis Presley und Billy Haley.
Der öffentliche Rundfunk spielt in der Schweiz der 1970er nur klassische Musik. So kauft der Vater einen Weltempfänger, und Radiostationen aus Deutschland, Österreich und Großbritannien eröffnen neue Horizonte. Über BBC wird Punk hautnah miterlebt, und der große Bruder beginnt mit einem Berliner Brieffreund Tapes auszutauschen, darunter die Einstürzenden Neubauten.
Mit dreizehn bekommt Beat vom Vater die erste Gitarre geschenkt, und noch bevor er diese richtig spielen kann, beschäftigt er sich mit primitiver Aufnahmetechnik. Der Radiorekorder wird kurzerhand zu einem Verzerrer umgebaut, und auf der elterlichen HiFi-Anlage werden die ersten Tapes pro- duziert. Mit Zerfall Records wird gleich ein Label gegründet und – weil Punk alles verdreht hat – der erste Künstlername schnell klar: Taeb Zerfall. Der logische Stil: eine Mischung aus Elvis Presley und Einstürzende Neubauten. DIY ist also von Anfang an das Motto von Beat Zeller. Autoritäten und Schule sind seine Sache nicht. Der Gitarrenunterricht ist nach der ersten Stunde wieder vorbei. Lieber drischt er stundenlang mit voller Energie auf ein paar Saiten ein. Wo soll man das auch lernen?

The Monsters Are Coming
reverend5.jpgDas Bern der 1980er ist für junge Menschen eine wilde Stadt voller legaler Drogen und Exzesse. Eine alternative Jugend- bewegung fordert eigene Räume und geht dafür auch auf die Straße. Es kommt im Juni 1980 zu ersten Hausbesetz- ungen und einer unerwartet harten Reaktion der Polizei. Die Folge sind Krawalle und Straßenkämpfe. Als Reaktion auf die Besetzungen willigt der Berner Stadtrat ein, in den Stall- ungen der alten Reitschule ein alternatives Jugendzentrum einzurichten, das aber kurz nach dem Eröffnungsfest wegen Unstimmigkeiten zwischen Behörden und BetreiberInnen wieder polizeilich geräumt wird.
In den folgenden Jahren wird die Reithalle zum Symbol einer Auseinandersetzung zwischen autonomen Jugendlichen und der Stadtgemeinde. Um den Bedarf an Räumen aufzuzeigen, kommt es immer wieder zur kurzfristigen Besetzung leer- stehender Gebäude. Diese Räume werden zu einer »Straf- Bar« oder »Unbrauch-Bar« erklärt und für eine Nacht zum Veranstaltungsort umfunktioniert. Ganz im Stile eines illegalen Raves. Musikalisch ist alles möglich in dieser Zeit. Den Untergrund verbindet der Gegensatz zum Mainstream. Ob Jazz, Kleinkunst, Hardcore-Punk, Rockabilly oder früher Techno, Genregrenzen spielen keine Rolle. Diese Szene ist der ideale Nährboden für den jugendlichen Beat Zeller. Der nennt sich als Musiker seit 1984 nun Beat-Man und will nach Jahren als reiner Homerecording-Artist (ein Auftritt mit einer lokalen Industrial-Band, bei dem er mit einer Kette auf eine Mülltonne eindrischt, bleibt ein Einzelfall) seine eigene Band gründen.
So werden 1986 von Beat-Man und seinen Freunden Yves und Oli The Monsters gegründet, eine wild rumpelnde Mischung aus Sixties-Garage Punk und Rockabilly. Die Band tritt ganz stilgerecht wie in den 1960ern in Schale auf und Beat-Man, der auch Gitarre spielt, gibt den kreischenden Sänger. Die Monsters sind Stammgäste bei den illegalen Konzerten, und als im Oktober 1987 die Reitschule zur »Strafbar« umfunktioniert wird und die BesetzerInnen – im Gegensatz zu ihren bisherigen Gepflogen- heiten – nicht mehr abziehen, ist der Beat-Man mitten unter den rund eintausend Jugendlichen auf dem Gelände. Die Aktion ist von Erfolg gekrönt. Bis zum heutigen Tag ist das Kulturzentrum Reithalle – trotz zahlreicher SVP-Anträge zur Schließung – ein alternatives Kulturzentrum mit basisdemo- kratischem Selbstverständnis geblieben. Und noch immer Beat-Mans liebste Konzert-Location. 

Freunde des schlechten Geschmacks
The Monsters bringen 1989 auf dem Berner Label Record Junkie ihren ersten Longplayer »Masks« heraus, ein wuchtiges Album, getragen von ungebremster, jugendlicher Energie. Die Monsters sind zum Quartett angewachsen, ein echter Kontrabass ist mittlerweile auch dabei. So richtig nach Psychobilly im Stile der Meteors oder ähnlicher Bands will das aber nicht klingen. Die Schweizer nehmen zwar Anleihen bei alten und neuen Rock’n’Roll-Renegaten, begnügen sich aber nicht mit Epigonentum.
Natürlich ist der Einfluss eines Screaming Lord Sutch oder der Cramps erkennbar, das Uhrwerk der Monsters läuft allerdings mit größerer Geschwindigkeit. Der Sound kippt ins Überdreht-Verzerrte, angetrieben von Beat-Mans originärem Schreigesang. Ganz nach dem Motto, alles muss raus und das möglichst schnell und direkt, wie bei einer Explosion. Musikalische Raffinesse stört da nur. Beat-Man und seine Genossen huldigen einer abseitigen B-Movie-Ästhetik und zelebrieren den schlechten Geschmack. Die kurz gehaltenen Texte besiedeln Abziehbilder von Sex, Gewalt, Horror und Teenage-Monstern.

 

Von Anfang an ist bei den Monsters ein Eigensinn am Werk, der sie bald mit ihrem Publikum auf Konfrontation gehen lässt. Der offene Esprit der 1980er versiegt, und die Berner Szene unterteilt sich in verschiedene Untergruppen, die eifernd über die Einhaltung der Genre-Grenzen wachen. Davon wollen aber die Monsters nichts wissen und legen sich mit ihren alten Fans an, ein Teil davon macht sich auch gleich aus dem Staub. »Am Anfang hatten wir alle Leute und dann wurden wir so in eine Szene gedrängt. Das hat uns überhaupt nicht gefallen. Rockabilly und Garage-Punk lieben und leben wir, aber wir wollen nicht nur das machen. Die Welt hat viel mehr zu bieten«, erklärt Beat-Man.
In den 1990ern werden die Touren extensiver, die Band erspielt sich langsam eine internationale Anhängerschaft, der Sound wird immer härter und Beat-Man klingt mit seiner rauen Stimme schon manchmal wie Motörheads Lemmy Kilmister. Aus praktischen Gründen weicht der für Psychobilly- Bands obligatorische Stand-Up-Bass dem E-Bass.

Der totale Fake ist die komplette Realität   reverend2.jpg
Beat-Man hat viele Ideen, der er nur außerhalb der Band verwirklichen kann. Die Idee zu seinem ersten Solo- projekt Lightning Beat-Man kommt im 1990/91 während einer längeren Reise durch die USA. In Los Angeles sieht er zum ersten Mal Lucha Libre (mexi- kanisches Wrestling) und ist ansatzlos begeistert. Publikum und Kämpfer führen gemeinsam ein ein- maliges Schaukampf-Spektakel auf.
»Das Wrestling dort war voller Gewalt und Blut. Die Leute haben geschrien ›Kill him!‹ und ›Stirb, du Sau!‹ und die ganze Aggression des Arbeitstags heraus- gelassen. Die Wrestler haben nach der Show ihre Masken nicht abgenommen, weil sie eine Figur verkörpern. Obwohl eigentlich ein totaler Fake, ist es gleichzeitig die komplette Realität. Das hat mich extrem inspiriert«, so Beat-Man.
Und dem Wahnsinn eines Hasil Adkins hatten die Monsters ohnehin schon 1990 auf ihrer zweiten Platte »The Hunch« (1991) gehuldigt.
Nach seiner Rückkehr aus den USA tritt er als Lightning Beat-Man in der Öffentlichkeit auf. Wichtigstes Prinzip der Show ist deren Unberechenbarkeit. Ideen werden sofort umgesetzt, und das Konzert soll jedes Mal anders sein. Als One-Man-Wrestling-Rock’n’Roll-Band kämpft Lightning Beat- Man auf der Bühne gegen sich selber und gewinnt immer. Wie die Luchadores trägt er stets eine Maske, ein Cape, und es gibt eine Eintrittsmelodie. Das Projekt ist auf Konfrontation mit dem Publikum angelegt und musikalisch eine chaotische Lärmorgie. Es kommt zu Prügeleien auf und vor der Bühne. Für das alte Rockabilly-Publikum war der Trash-Faktor eindeutig zu hoch.

 

Doch trotz dieser Irritationsstrategie kann sich Beat-Man mit der Zeit komplett vom Musikmachen erhalten. Seine Ausbildung als Elektromonteur ermöglicht ihm zunächst nach ein paar Monaten am Bau, den Rest des Jahres mit den Monsters und Lightning Beat-Man auf Tour zu gehen. Bis endlich genügend Publikum zu den zahlreichen Konzerten kommt. Beat-Man ist nun quasi auf Dauertour und spielt bis zu dreihundert Konzerte pro Jahr. Seine One-Man-Band wird immer populärer und bekommt sogar eigene Slots bei MTV und VIVA 2. Lightning Beat-Man präsentiert darin in voller Montur (mit Maske und Umhang) Videos auf einer Reise durch die USA, besucht Konzerte, Plattengeschäfte und die heiligen Grabstätten des Rock’n’Roll.
Die Lightning Beat-Man-Konzerte werden immer maßloser und zum Spiel mit dem Hass des Publi- kums. Rundherum entsteht ein Varieté mit einer Entourage von Schaustellern und einem Arch- Enemy-Wrestler names Duro Duro. Selbst in kleinsten Räumen wird ein Wrestling-Ring aufgebaut, und in den einzelnen Tourstädten werden bestimmte Fans dazu auserkoren, in den Schaukampf auf der Bühne einzugreifen. Wegen der Maske bleibt Beat-Man nach der Show unerkannt und schimpft nach dem Auftritt über das »schlechte« Konzert. Applaudieren wird verboten, statt zu klatschen sollen alle am Schluss buhen und Sachen auf die Bühne werfen.
Die Folgen dieser Exzesse sind Knochen- und Kieferbrüche, Beat-Man verliert ein Jahr die Stimme, und seine Wirbelsäule ist angeknackst. Der Arzt rät ihm, mit der Show aufzuhören, falls er weiter- leben wolle. Beim allerletzten Konzert von Lightning Beat-Man in der Kunsthalle in Luzern gerät die Show völlig außer Kontrolle, und Kunstwerke werden zerstört. »Mit einer Maske kann man in eine andere Rolle schlüpfen und sich ausleben aber mit der Zeit nimmt sie total Besitz von dir. Und dann war das genug damit, und ich sagte, jetzt kann ich andere Sachen machen.« Es ist Zeit, die Maske abzunehmen.

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Reverend Beat-Man – I See The Light
Das etwas unerwartete Ende von Lightning Beat-Man führt zu einer Krise. Es ist kein Geld mehr da, dazu kommt noch die Trennung von der langjährigen Freundin. »Ich bin schon auf der Brücke ge- standen und wollte springen. Aus dem Nichts heraus habe ich dann ein Riesenlicht gesehen, das mir gezeigt hat, wohin ich gehen muss.«
Ende der 1990er wird das neue Projekt Reverend Beat-Man ins Leben gerufen, ein radikaler Prediger des Rock’n’Roll auf seiner Mission für die Church of Blues Trash. Der Wortanteil ist zwar bei der neuen Kunstfigur deutlich gestiegen, aber wie bei Lightning Beat-Man ist die Grundstruktur bei Reverend Beat-Man ganz einfach. Stimme, Gitarre, Kickdrum und Snare bilden das musikalische Gerüst. Wie schon der Name seiner Kirche verrät, hat der Blues Einzug gehalten. Weniger Hasil Adkins und mehr Howlin' Wolf.

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Auffällig ist bei Reverend Beat-Man ist der Umgang mit der englischen Sprache. Er versucht in seinen langen Predigten mit expliziten Texten erst gar nicht seinen starken Schweizer Akzent zu verbergen, sondern kultiviert einen eigenen Slang, das Swinglisch. Die Selbstinszenierung als Hinterwäldler wird damit verstärkt. So könnte ein Sektenführer in den Bayous seine Herde schulmeistern. Die Schweiz ist ja Geburtsland diverser protestantischer Religionsgemeinschaften, und Beat-Man erklärt: »Die Schweiz hat eine starke Tradition im Referieren. Es gibt vier Landessprachen, da ist Kommunikation einfach das Wichtigste. Zu sagen, was man will und wie man es will.«
Live gibt Reverend Beat-Man den verrückten Schweineprediger mit Kolar und Bibel auf der Bassdrum, der sich gerne im Ton vergreift und musikalisch alles ganz simpel hält, um ohne Umweg in die Seelen seiner verehrenden Anhängerschaft fahren zu können. Der Preacherman fordert Unterwerfung von seinen JüngerInnen. »Get On Your Knees!«

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Foto © Daniel Desborough


Für die Plattenaufnahmen holt sich Beat-Man auch andere MusikerInnen aus dem Voodoo Rhythm-Universum zur Unterstützung. »Studio und Konzert sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Eine Platte bleibt stehen und wird dann auch alt. Ein Live-Konzert muss immer frisch sein«, so der Reverend.
Von der ersten Veröffentlichung an, der 2001 erschienenen »Reverend Beat-Man And The Un- Believers«, zeigt sich eine Cleverness im Arrangement und in der Instrumentierung, die bis dahin im Werk Beat-Mans ihresgleichen sucht. Völlig ausgereift ist diese Kunst auf »Surreal Folk Blues Gospel Trash Vol. 1 & 2« von 2007. Die Songs auf den beiden Platten stellen eine kunstvolle Überhöhung des eigenen Lebensweges dar. Krisen, Einsichten, Entscheidungen, Obsessionen sowie das Unglück in der Liebe werden hier ins klassische Blues-Schema gegossen. Dabei klingt alles roh und frisch.
Die völlige Unzeitgemäßheit dieser Herangehensweise produziert einen ganz eigene Realitätseffekt. Hier hat jemand tatsächlich etwas zu sagen, auch wenn es vor ihm schon viele andere getan haben. Menschliche Erfahrungen sind einfach gleich geblieben. Die Jahre vor der Veröffentlichung dieses Opus magnum sind für Beat-Man nicht die einfachsten gewesen. Er findet sich als alleinerziehender Vater wieder und ist gezwungen, sein Tourleben zu reduzieren. So verbringt er viel Zeit mit Song- writing und dem Aufbau seines Labels Voodoo Rhythm.


Voodoo Rhythm – Records To Ruin Any Party

Der erste Release des Labels – »Garage Punk Primitive Rock’n’Roll And Psychotic Reactions From Switzerland Vol. 1« – kommt 1992 heraus und ist nach einem Tag ausverkauft.
Trotzdem erscheinen in den 1990er Jahren nur vereinzelte Singles auf Voodoo Rhythm. Selbst die Monsters-LP »Youth Against Nature « wird 1995 noch beim Berner Label Record Junkie aufgelegt. Beat-Man hat auf seinen langen Touren viele Bands kennengelernt, deren Material niemand ver- öffentlichen will, aber die Veränderungen in seinem Leben führen dazu, dass Voodoo Rhythm erst ab 2000 richtig durchstartet. Schnell wächst der bunte Katalog mit schweizerischen und internationalen KünstlerInnen. Stilistisch ist das ein bunter Haufen aus Swamp-Rock, Psychedelic, Voodoo Soul, makabre Totengräbermusik, One- Man-Band Irrsinn, Bluegrass, Industrial, Art- Rock und auch klassischem Singer/Songwriter- Stoff. Beat-Man würde auch Technoplatten veröffentlichen, wenn sie ihm gefallen. Das entscheidende Kriterium für eine Aufnahme in den illustren Katalog: »Es muss mich einfach umblasen und mir das Hirn umdrehen.«
Das bevorzugte Medium ist Vinyl, CDs werden eigentlich nur aus Promo-Gründen produziert und seit einigen Jahren den Schallplatten als Gratisbeigabe hinzugefügt. Als Vinylliebhaber freut er sich zwar darüber, dass die Leute das totgesagte Format wieder entdecken, aber auch sein Label ist von den immer längeren Wartezeiten bei den Presswerken betroffen. »Vor allem rund um den Record Store Day glauben alle großen Labels, jeden Furz herausbringen zu müssen, und die Presswerke sind damit total überfordert.«
Der kleine hauseigene Label-Laden, der 2013 in Bern eröffnet wurde, hat am Record Store Day sogar zu. Im Laden wechselt sich die Voodoo Rhythm-Crew ab, wer nicht gerade auf Tour ist, hütet diesen.
Seit 2011 ist Voodoo Rhythm eine GmbH und beschäftigt eine Handvoll Angestellte. Die Auflagen liegen konstant zwischen ein- und dreitausend Stück. Für eine kleines Independent-Label durchaus beachtlich. Trotzdem ist die finanzielle Situation nicht einfach, und so hat sich das Merchandise zu einer wichtigen Einkunftsquelle entwickelt. Im Web-Store und im Laden gibt es T-Shirts, Sweater, Baby-Bodies, Sticker, Taschen und diverse Gimmicks mit dem markanten Voodoo Rhythm-Logo zu erwerben. Der eigene Schriftzug ist übrigens ein Tribut an das Schweizer Garage Punk-Label Layola Records (1964–68).

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Insgesamt steht das Label heute also ganz gut da und veröffentlicht etwa im Monatsrhythmus eine neue Platte. Vor ein paar Jahren sah die Sache noch etwas anders aus: 2009 schlug die dunkelste Stunde. Schon früh hatte Beat-Man bemerkt, dass die Tantiemen bei seinen internationalen Künstlern oft nicht ankamen, weshalb sie – in mündlicher Absprache mit der Schweizer Verwertungsgesell- schaft SUISA – direkt in Form von Platten an die Bands abgegolten wurden. Im Jänner 2009 flatterte aber ein Brief der SUISA mit einer Mahnung über 60.000 Franken ins Haus. Das Label stand kurz vor dem Aus. In einer beispiellosen Aktion trieben die treuen Fans mit Solidaritätskonzerten und Spendenboxen (auch im Wiener Plattenladen Rave Up stand eine) eine beachtliche Summe auf, und schließlich konnte sich Beat-Man auch mit der SUISA auf eine Herabsetzung der Strafzahlung und eine künftige Lösung einigen.
Die Welle an Solidarität rührt Beat-Man noch heute und ist Antrieb, das Werk noch lange am Laufen zu halten.
Die Songs für ein neues Reverend Beat- Man-Album sind längst fertig und warten nur darauf, aufgenommen zu werden. Es steht bloß noch nicht fest, in welcher Form, ob mit Band, mit einem Orchester oder alleine mit einem alten Vier-Spur-Gerät. Und die Monsters wollen für das 30-Jahr-Bandjubiläum und der geplanten 2016er-Tour auch eine Platte aufnehmen. Es bleibt also viel zu tun im Hause Beat-Man.



 

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 Foto © Marco Christian Krenn (Fotograf)/Gregor Samsa (Supersense)




Beat-Man-Platten (Auswahl)
Für viele Fans ist die erste Platte der Monsters noch immer ihre beste. Das ist ein bisschen ungerecht, aber der rasante Charme dieser hingerotzten Mischung aus Punkrock und Psychobilly ist kaum zu verleugnen.
Lightning Beat-Man: »Wrestling Rock’n’Roll« (Record Junkie 1994)
Zusammenstellung von Songs, die zwischen 1985 und 1994 am Tascam 4-Spur-Rekorder aufgenommen wurden. Hier blitzt der Hasil Adkins im Beat-Man erstmals so richtig durch.
Die Zorros: »History Of Rock Vol. 7« (Voodoo Rhythm 2002)
Coverversionen einer Band, die eigentlich keine Coverversionen spielen kann, weil das die Fähigkeiten der Musiker übersteigt. Darum klingen hier alle Songs besser als die Originale.
Reverend Beat-Man: »Surreal Folk Blues Gospel Trash Vol 1–3« (Voodoo Rhythm 2007/08)
Das Opus magnum. Zwei Platten und eine DVD mit Videos von befreundeten Filmemachern. Zu den Highlights gehören abartige Rocker wie »Jesus Christ Twist« und »I See The Light« sowie die beiden epischen Predigten »The Beat-Man Way« und »The Swiss Army Knife«.
The Monsters: »... Pop Up Yours!« (Voodoo Rhythm 2011)
Die (vorerst) letzte Platte der Monsters ist vielleicht auch ihre verrückteste. Kein Song ist länger als drei Minuten. Alles ist auf das Wesentlichste eingekocht.
Reverend Beat-Man: »Poems from the Graveyard« (Sounds of Subterrania 2013)
Spoken Word. Der Cover-Art-Künstler Gregor Samsa hat Beat-Man auf seinem Label ein Denkmal gebaut: Ein 75 cm großer Sarg mit bedruckter 100-Seiten-Rock’n’Roll-Bibel und einer 10-Inch.

Voodoo Rhythm Releases (Auswahl)
Roy And The Devil’s Motorcycle: »Forgotten Million Sellers« (1997)
Die Schweizer Garage-Rocker sind in einem kleinen Alpendorf aufgewachsen und haben einen Hang zur Psychedelik. Erster LP-Release einer Band auf Voodoo Rhythm.
Dead Brothers: »Dead Music For Dead People« (2000)
Begräbnisorchester aus Genf mit Vorliebe fürs Morbide. Gypsy Swing trifft Rock’n’Roll trifft Todeswalzer. Logischerweise in Wien sehr beliebt.
King Khan & His Shrines: »Three Hairs And You’re Mine« (2001)
Der Gothfather of Voodoo Soul aus Kanada ist der illegitime Sohn von Screaming Jay Hawkins. Ein alter Freund Beat-Mans, der ihm schon mal am Telefon Straßenmusiker vorspielt, die er für Voodoo Rhythm interessant hält.
Jerry J. Nixon: »Gentleman Of Rock’n’Roll« (The Q-Recordings New Mexico ’58 –’64) (2003)
Geniestreich in Sachen Retromania. Die verlorengeglaubten Aufnahmen eines vergessenen Rockabilly-Renegaten. Oder doch nur alles Fake?
Mama Rosin: »Tu As Perdu Ton Chemin« (2008)
Erstling der Schweizer Cajun-Zydeco-Blues-Punk- Band. Wir haben ja immer schon geglaubt, Louisiana liegt eigentlich am Genfer See.
Delaney Davidson: »Bad Luck Man« (2011)
Der neuseeländische Ex-Dead-Brother mit einem der besten Alben auf Voodoo Rhythm. Exzeptionelles Songwriting mit großem Gespür fürs Arrangement.
Becky Lee And Drunkfoot: »Hello Black Halo« (2012)

Eine der wenigen One-Woman-Bands im männerdominierten Business. Wild rockende Garagensounds aus der Wüste Arizonas. Sie nimmt es locker alleine gegen die ganze Band von PJ Harvey auf.


Text: Christian König | 16.07.2015

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