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Schamoni Musik München - Heilung durch Musik

Text: Hardy Funk | 04.03.2016
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Fotos: Schamoni Musik
Ein extrem kleiner Laden, alte Holzregale bis an die Decke, vollgepackt mit Schallplatten und DIY-Zines, die freien Flächen mit Postern beklebt, das Bier für zwei Euro über den Tresen gereicht, die Zigarette kein Problem. Auf dem Tresen zwei Plattenspieler, dahinter Pico Be, unter anderem Sänger der Band Das weiße Pferd, der seine neuesten Platten spielt, ab und zu einen Text über die Tracks sprechsingt. Im Laden selbst zwölf Leute dicht gedrängt, davor nochmal zehn. Keine geheime Sache, aber eine, von der immer nur wenige mitbekommen. Weiter vorne, am Eingang der Passage Bayerstraße in der Nähe vom Hauptbahnhof das Hinweisschild: »PRAXIS Dr. SCHAMONI – Heilung durch Musik«.

Die Praxis gibt’s schon nicht mehr. Ist einem o2-Laden gewichen. War aber auch nicht wirklich für länger gedacht. Das Label ist alive and well. Mit neuem Selbstvertrauen gefüttert durch den weltweiten Erfolg der LeRoy-Platte. Durch das positive Echo auf die Alben von Das Weiße Pferd und Pollyester. Durch den Underground-Respekt für BELP und die Raketenbasis-Kollabo. Blick nach vorn auf der ganzen Linie. Obwohl die Idee zum Label mit einem Blick zurück zu tun hatte.

»Pseudo-Philosophie, das ist ‘ne verdammt ernste Sache. Das ist eigentlich mehr ‘ne Wissenschaft. Das muss man lange trainieren. Da muss man manchmal mit ‘nem Trainingsanzug und Spikes durch die Stadt laufen und warten bis einem was Gescheites einfällt. Das wichtigste bei der Pseudo-Philosophie ist, dass am Ende nichts dabei herauskommt.«

Das ist eine der Alltagsweisheiten von Werner Enke alias Martin im Kinokassenhit »Zur Sache Schätzchen« von 1968. Der auch heute noch absolut sehenswerte Film ist sowas wie der Durchbruch des »Jungen Deutschen Films«, der die weichgespülten, verklemmten, heimatduseligen Filme der Nachkriegszeit ablöste. Und einer der Gründe, dass es heute Schamoni Musik gibt. Denn produziert hat »Zur Sache Schätzchen« Peter Schamoni, der Vater von Sebastian Schnitzenbaumer. Der wiederum verwaltet bei Schamoni Film das filmische Erbe von Peter Schamoni und seinen drei Brüdern, allesamt ebenfalls Filmproduzenten und -regisseure. Und immer mehr drängt sich Sebastian der Gedanke auf, das Erbe auch auf anderen Wegen weiterzutragen:

»›Zur Sache Schätzchen‹ zeigt ein München, mit dem ich vollkommen einverstanden bin: Schwabing in den 1970ern oder späten 1960ern, lauter Totalverweigerer, Freaks, kaputte Leute, die trotzdem irgendwie genial und zugänglich sind. Und dann war natürlich die Idee da, irgendwie an diesen Geist anzuknüpfen und das fortzuführen, nur mit anderen Mitteln, mit zeitgemäßeren Mitteln. Weil Kinofilme ja nicht mehr diesen Impact haben.«

Gemeinsame Grundschwingung
Ein weiterer Grund für Schamoni Musik: Sebastian selbst ist in erster Linie Musiker, legt auf, produziert Tracks unter dem Alias BELP. Und so sammeln sich seit 2013 unter dem Dach von Schamoni Musik der Rock ‘n‘ Roll von Das Weiße Pferd, der Krautrock-Techno von LeRoy, der Disco-Pop von Pollyester, der Ambient Techno von Protein, der Endzeit-Techno von BELP, der Hybrid-Dub von eshna_TRON und noch mehr Dub unter dem Sublabel Jahmoni Records.

Passt auf den ersten Blick nicht wirklich zusammen. Aber man muss Sebastian nur auf das Thema München ansprechen und schon erzählt er von der gemeinsamen Grundschwingung bei Schamoni Musik:

»Es muss interessant sein und vor allem für München interessant sein: Also eine Platte, die dieses andere München repräsentiert, was es erstmal sowieso schwierig hat. Und es muss eine Platte sein, die möglicherweise sogar jemanden außerhalb von München interessieren könnte, weil sie irgendwie besonders ist. Dann wird’s richtig spannend, weil man dann nämlich damit arbeiten kann, um auch dieses Bild von München zu drehen. Vor allen Dingen international und nach Deutschland rein, aber auch zurück an die Leute, die das in München machen. Damit die dann das Gefühl haben, dass es nicht ganz so hoffnungslos ist.«

Die Szene, aus der sich Schamoni Musik speist, gibt es seit mindestens fünfzehn Jahren, lässt sich zurückverfolgen bis zur Band Kamerakino. Sie war aber auch immer arg versteckt, die vielen Bands und Projekte kaum in München bekannt, geschweige denn im Rest Deutschlands. In den letzten Jahren wächst die Aufmerksamkeit aber – was auch mit Schamoni Musik zu tun haben könnte. Pollyester und Das Weiße Pferd werden plötzlich von der hiesigen Musikpresse wahrgenommen und gelobt, LeRoy wird zur New Band of the Week beim britischen »Guardian« gekürt. Alles längst nicht selbstverständlich für Bands und Musiker, die nicht dem München-Klischee entsprechen:

Gegenpol zum undemokratischen Winner-Dasein
»Natürlich gab’s Gomma und Permanent Vacation und zum Teil noch Disko B, aber das ist ja leider auch schon wieder so nah an einem München, das verwerflich ist – Schickimicki, Bob Beaman und Abfahrt als Dienstleistung. Das reiht sich alles in dieses Gesamtmodell ein, dieses Winner-Dasein, BMW Fahren, FC Bayern immer die Eins. Nachdem Hoeneß jetzt im Knast sitzt, könnte man dieses Gesamtmodell eigentlich komplett in Frage stellen. Aber das tut keiner so richtig. Leute wie Hoeneß, Seehofer und Beckenbauer sorgen weiterhin dafür, dass das Image von Bayern innerhalb Deutschlands sowas von beschissen ist, dass auch wir hier einen Kollateralschaden haben. Denn die Lebensphilosophien dieser Leute zerstören unsere Werte.«

»Wir haben das beim Weißen-Pferd-Release gemerkt: Leute außerhalb Bayerns sagen, das hören wir uns gar nicht erst an, das kommt aus Bayern. Und das liegt hauptsächlich daran, dass dieses Meer aus dummen Bayern dazwischen ist, die aktiv an einem Bild arbeiten, das so nicht gesellschaftsfähig ist. Weil die immer gewinnen wollen – es gibt keine Verlierer, wir sind die tollsten! Das ist in sich faschistoid, das ist totalitär, das ist undemokratisch. Die Welt ist eine andere und 2015 ist alles, was im Kultur- und Medienbereich stattfindet, immer differenziert und gebrochen und vielschichtig. Und genau auf diese Weise transportiert zum Beispiel Das Weiße Pferd seine Inhalte.«

»Mir ist, als hörte ich sie überall marschieren und angreifen, oh boy
Der Sommer ist da und das ist die richtige Zeit für Straßenkämpfe, oh boy
Aber was kann ein armer Kerl schon tun
Außer vor der Münchner Freiheit zu singen
Denn hier, in dieser verschlafenen Stadt
Ist einfach kein Platz für Straßenkämpfer«

Singt übereinstimmend Pico Be im – zugegeben ausnahmsweise eher eindeutigen – Song »Straßenkämpfer« auf der aktuellen Das-Weiße-Pferd-Platte »Münchner Freiheit«. In der Standardausführung kommt das Album als Vinyl mit aufklappbarer Hülle und beiliegendem Textheft inklusive Illustrationen der Münchner Künstlerin Anna McCarthy. Und Vinyl, das muss schon sein bei Schamoni Musik:

Spannende Sounds mit Inhalt
»Alben sind für uns wie früher Filme. Es geht um mehr als nur Sound, weil wir tatsächlich Inhalte transportieren wollen. Ein Album mit einem Spannungsbogen, einem Cover-Artwork, einer guten A- und B-Seite, einem Booklet, einem Video dazu – das ist immer noch ein sehr kraftvolles Format. Das kann eine ganze Welt transportieren. Und dazu zählt einfach, dass man auch dieses große, physikalische Cover-Artwork in LP-Größe hat.«

Und dann gibt es da doch noch eine rein musikalische Agenda von Schamoni Musik: Neue Klänge unter die Leute bringen, die Ohren öffnen für ungewohnte Sounds. Auch das ein Thema in einer Stadt, die oft zur Hälfte aus Britpop-Bands und zur anderen Hälfte aus Italo-Disco-DJs zu bestehen scheint.

Bei all dem versteht sich das Label nicht als Einzelkämpfer. Das zeigen Co-Releases mit anderen Münchner Labels wie Disko B, Echokammer oder Raketenbasis Haberlandstraße. Die neue Protein soll gemeinsam mit Alien Transistor, dem Label der Acher-Brüder von The Notwist rausgebracht werden. Im Grund die gleiche Idee, die auch die Praxis Dr. Schamoni vier ereignisreiche Monate lang trug:

»Es war mehr eine Dauerwerkschau: Da hattest du den Ziegelstein von Anna McCarthy neben einer Alien-Transistor-Platte neben Raketenbasis-Haberlandstraße-Kassetten und Zeug von TAM TAM. Das gab es in München noch nicht, dass du alles in einem Raum siehst und dass du vor allem siehst, wie ähnlich das alles ist. Es ging nicht nur darum, welche Musik es ist, sondern um die ganze Szene.«


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Im Underground-Universum: Sebastian Schnitzenbaumer in der Praxis Schamoni

Text: Hardy Funk | 04.03.2016

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