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Hören ist Sehen

Text: Frank Jödicke | 07.04.2017
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Impressionen der Ausstellung von Gue Schmidt

Kunst durchströmt den elektronischen Raum. In der Ausstellung »Hören ist Sehen« und den dazugehörigen Radioprogrammen loten KünstlerInnen die Grenzen des Mediums aus. Zwischen Musique concrète, Hörspiel und Klangskulptur.



Es gibt Alltagsgegenstände, die geraten allmählich in Erklärungsbedürftigkeit. Jüngeren Menschen dürfte die Erfindung »Radio« längst weitgehend unerklärlich erscheinen. Nicht ganz zu Unrecht. Ein Radioapparat ist ein Kasten, der »aufgedreht« wird und dann dasjenige zu säuseln beginnt, was ihm gerade so in den Kram passt. Weniger Kundenfreundlichkeit geht kaum. Es gibt kein Vorspulen, kein Zurückspulen, kein Pausieren, nichts.

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Es konnte Jahrzehnte dauern, bis der begeisterten Hörerin oder dem angetanen Hörer ein Musikstück erneut begegnete. Sicherlich, man hätte beim Sender anrufen können, nur: come on! Außerdem war den ungenau beschrifteten Frequenzbändern der Radioapparate nie sicher zu entnehmen, welcher Sender überhaupt dudelte. Bei aufgeschnappten Vortragsschnipseln oder Nachrichten war es noch schlimmer. Der Kontext war oft nicht mehr herzustellen, die aufgeschnappten Gedanken kugelten im Geist unverbunden hin und her, bis sie eines glücklichen Tages in die Kuhle ihres Kontextes kullerten. »Ah, Brecht hat das gesagt und er meinte damit …« Kurzum, das Medium Radio ist in kaum erträglicher Weise beschränkt und wir können alle froh sein, dass es um dieses Medium bald geschehen sein wird.

Beschränkungen reizen

Das stimmt natürlich nicht ganz. Das Radio übt einen enormen Reiz auf die HörerInnen aus, und dies gerade wegen seiner besonderen Beschränkung. KünstlerInnen lieben übrigens Beschränkungen und das aus gutem Grund. Kaum etwas reizt sie an einem Medium mehr als dessen »Grenzen«, denn diese dürfen ausgedehnt und überschritten werden, wodurch ein Gefühl für die Materialität der Dinge entsteht. So bildet sich Bewusstsein. Eine der vornehmlichen Aufgaben der Kunst.
 

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Klangarbeit: Norbert Math (AT), Foto: Andrea Sodomka (AT)


Gue Schmidt sammelt seit dem Jahr 1996 (also ziemlich genau seit dem Zeitpunkt, zu dem das Radio durch das aufkommende Internet antiquiert zu werden begann) Beiträge von KünstlerInnen, die sich der besonderen Qualität einer Radiorezeption widmen. Genauer dem Entstehen von Skulpturen und Bildern durch das rein Gehörte und damit unmöglich ganz Begreifbare. Es sind Klänge zu hören, von denen die meistens ein wenig nach Musique concrète klingen, also aufgeschnappte Klangfragmente der Umwelt, die sich manchmal zuordnen lassen (Insektensummen zum Beispiel) oder als unbestimmbare Sphärenklänge akzeptiert werden müssen. Dazu gibt es Fragmente aus Nachrichtensendungen, Hörspielen, Plaudereien. Immer sind die Teile anregend, mitunter verstörend und oft auch lustvoll zu genießen. Wer die CD »Hören ist Sehen/To Hear Is To See/Oir Es Ver« anhört, bekommt dieses typische Radiogefühl. Es gibt Fragmente, bei denen ist man recht froh, wenn der widerborstige Quatsch endlich vorbei ist, bei anderen würde man gerne mehr hören, länger lauschen und verstehen. Das geht aber nicht. Radio halt.


Hunderte von KünstlerInnen – es darf gesagt werden aus aller Welt – haben bei diesem Projekt aus CD/Ausstellung/Radiosendungen bislang teilgenommen und es werden noch mehr, denn das Vorhaben ist weder abgeschlossen, noch abschließbar. Die Schau machte bereits Station an zahlreichen Orten in den beiden Amerikas, in der Türkei, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nun ist sie wieder in Wien zu hören und zu sehen und zwar in der Galerie MAG³ sowie im Kunstradio Ö1 und auf Radio Augustin.


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Klangarbeit: Christina Meissner/Michael Geyersbach (DE) | Foto: Tiesche: Brigitte Geyersbach (DE)

Ausstellung:
Gue Schmidt: Hören ist Sehen – Kunst im elektronischen Raum,
am Beispiel von Radiokunst und Klangskulptur/ Erweiterte Version II
Projektraum MAG³, Schiffamtsgasse 17, 1020 Wien
Eröffnung: 6. April 2017, 19:00 Uhr
Dauer: 7.–29. April 2017, Di–Fr: 17:00–20:00 Uhr
» www.nammkhah.at

Radioübertragungen:
Am Sonntag, dem 9. April 2017 um 23:03 Uhr ist eine Auswahl der Klangarbeiten
im Kunstradio (oe1.orf.at/kunstradio) auf Ö1 zu hören. 

Eine breitere Auswahl akustischer Werke wird außerdem auf Radio Augustin (94.0 | www.094.at)
am 10., 17. und 24. April jeweils von 15:00 bis 16:00 Uhr übertragen.

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Bilder, Texte und Kurzfassungen der Klangwerke gibt es unter www.nammkhah.at:
Hören Ist Sehen 1996–2006 | Hören Ist Sehen (expanded) 2008


Text: Frank Jödicke | 07.04.2017

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