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Donaufestival: Von »Ausgʼsteckt is« zu »Angʼsteckt wird«

Text: Walter Pontis | 20.04.2017
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The Body © Megan Holmes/Donaufestival

Guide durchs Donaufestival Krems 2017. Die in den Vorjahren international vortrefflich positionierte Plattform erfährt heuer eine angemessene Weiterführung.


Ist Erwin Pröll in seiner Parteipolitik auch zutiefst reaktionär gewesen, in puncto Kulturpolitik war der über Dekaden uneingeschränkt regierende niederösterreichische Landesfürst dem Gros der verkrusteten kontinentaleuropäischen Elite gewaltig überlegen: Pröll erkannte die Zeichen der Zeit und verstand es, mittels reger Investition in Popkultur die Kritik politischer Gegner exorbitant einzudämmen. Dass im Vorjahr bei der Pressekonferenz zum Donaufestival sein, in einem perfiden Beisatz getätigter, Seitenhieb gegenüber Festival-Akkreditierungen unwidersprochen blieb, ist nur ein kleines Indiz für die Effizienz seiner Machtpolitik. Dass Akkreditierung für marginalisierte Popkritiker oftmals jedoch die einzige Entlohnung ist, tangiert schlichtweg nur peripher.

Den Abschied vom Anglo-Amerikanischen Jahrhundert leiteten in der Politik Donald Trump und Brexit ein; in der Popwelt wurde die Ablöse jener Hegemonie bereits in den Neunziger-Jahren mit der Digitalisierung der Musik und dem Internet in Gang gesetzt. Das Team des Donaufestivals Krems hat diese Zeichen der Zeit längst erkannt. Dank Tomas Zierhofer-Kin, der bis zum Vorjahr ihr phänomenaler künstlerischer Leiter war, konnte sich das Festival nicht zuletzt per avancierter Electronica-Acts, die davor oft marginalisiert und geflissentlich ignoriert wurden, zu einem der international renommiertesten Festivals entwickeln, in dem Musik, Performance, Medienkunst und Bildende Kunst nahezu spartenübergreifend funktionieren.

»Du steckst mich an«

Heuer leitet der vom FM4-»Sumpf« her bekannte Autor Thomas Edlinger das Donaufestival. Seine Neupositionierung sucht, umsichtigerweise, keine essenzielle Separation vom bewährten Modell des Traditionsbruchs. Edlinger setzt, gezielt, »ein paar andere Akzente, die meiner Person und meinen Vorstellungen von besagtem Traditionsbruch nochmal eine Spur näherkommen, aber ohne die großflächige Spur komplett zu verlassen«, so Edlinger im Ö1-Interview. Wiewohl man doch mit spannenden Erneuerungen aufwartet: Erstmals bietet das Festival einen Reader mit vertiefenden Essays sowie einen musikalischen USB-Stick. Zu Gesprächen und Präsentationen lädt eine Theory-&-Talks-Reihe ein: u. a. präsentiert Adam Harper, der in seinem exzellenten Buch »Infinite Music« Popmusik von Retromania befreit und stattdessen seine Variable feiert, some Sights of Sound: »The Permeable Body and Mind in Electronic Music Videos« (Kino im Kesselhaus, 29. April 2017, 13:00 Uhr). Und zudem kann man sich im Überraschungsformat Stockholm-Syndrom an vorab nicht bekannt gegebene Orte entführen lassen. Empathie begehrt das vielversprechende Festivalmotto »Du steckst mich an«. Bereitwillig lasse man sich anstecken von euphorischer Begeisterung sowie von speziell-fiebrigen Kunstvisionen. Und Weltoffenheit steht, wie auch in den Jahren zuvor, sowieso wieder zentral.

Weekend 1, Freitag, 28. April

DJ-Line: Day 1 | DJ /rupture & Jens Balzer

Am Eröffnungstag reizen der Kölner Techno-Pionier Wolfgang Voigt als GAS mit seiner eben erschienenen GAS-Box und die auf Pop-affiner Post-Punk-Ästhetik agierende postmarxistische Formation Scritti Politti mit bewährten Entwürfen. »Sacred Horror« entfacht der aus Teheran stammende Sote mit Tarik Barri, Arash Balouri und Berouz Pashaei. Ein Highlight des Abends stellt Elysia Crampton mit elektrifizierten nomadischen Klängen aus Lateinamerika dar.

Elysia Crampton: »Demon City«



Weekend 1, Samstag, 29. April

DJ-Line: Day 2 | group A

In seinem Projekt »Julius Eastman Memorial Dinner« gedenkt DJ Jace Clayton mit seinen Klavierstücken des gleichnamigen afroamerikanischen Minimal-Music-Komponisten. Mit gleichnamiger EP, erschienen auf dem Londoner Label Goon Club Allstars, etablierte sich DJ Lag als Posterboy der wachsenden südafrikanischen Gqom Scene. Ein weiterer Höhepunkt des Abends ist Moor Mother, die ihren Low-Fi-Rap selbst als »Slaveship Punk« promotet und Afro-Diaspora von Alpträumen und rassistischer Unterdrückung befreit.

Moor Mother: »Deadbeat Protest«


Weekend 1, Sonntag, 30. April

DJ-Line: Day 3 | Anna Ceeh

Die Free Jazz-Legende Peter Brötzmann agiert im Duett mit Heather Leigh an der Steel-Gitarre. Guardian Alien treten mit Drummer Greg Fox (Liturgy, Zs) und Alexandra Drewchin (g, effects) als Freecore-Duo in Erscheinung und mixen Krautrock-Motive und Trance. Als einer der letzten amerikanischen Freigeister beschwört der surreale Hippie Gonjasufi mit entgeistertem Blues-Rap »real Kowboyz & real Indians (no, I don’t trust ’em)«. Die norwegische Formation Ulver wartet mit elegischen Klangtürmen aus Prog, Psych, Kraut und Drone auf. Das Postrock-Quartett Gnod stellt zweifellos ein Highlight an diesem Abend dar. Programmatischer Album-Titel: »Just Say No To The Psycho Right-Wing Capitalist Fascist Industrial Death Machine«.

Gnod: »Bodies For Money«  


Weekend 1, Montag, 1. Mai

»No One Deserves Happiness« legt der Album-Titel von The Body fest und niemand wagt es, ihrem harschen Noise/Grindcore/Black Metal zu widersprechen. Die verhinderte Opernsängerin Josephine Foster entrückt mit Freak-Folk. Und bei aller Weltoffenheit findet sich natürlich auch für heimische Acts eine Plattform, hier mit »A cinesonic ride with Radian, Billy Roisz and dieb13« in der Minoritenkirche. Mit den Einstürzenden Neubauten klopfen alte Bekannte als Hauptact des ausverkauften Abends an.

Einstürzende Neubauten: »Ich bin’s« 


Weekend 2, Freitag, 5. Mai

DJ-Line: Day 5 | Mike Hentz

Silver Apples ist mittlerweile das Solo-Projekt von Simeon Cox III, nachdem Dan Taylor, der Mitbegründer der legendären Sixties-Synthie-Pioniere, vor einigen Jahren verstorben ist. Ein Wiedersehen gibt es mit dem Duo Emptyset aus Bristol, das bereits im Jahr 2013 dieserorts mit seinen Minimal-Techno-Beats überzeugte. Erneut ist auch der namhafte britische Electronic-Act Actress (veröffentlichte auf Honest Jon’s Records, Werkdiscs sowie Ninja Tune), der bereits 2015 am Programm stand, zu Gast. Ein ganz besonderes Highlight ist The Bug (Bass Culture), der mit der rappenden Miss Red clashen wird.

The Bug feat. Miss Red: »Diss Mi Army« 


Weekend 2, Samstag, 6. Mai

Auferstehung feiert die britische Post-Punk-Formation This Is Not This Heat, dem modifizierten Bandnamen gerecht werdend und gezwungenermaßen nicht in Originalbesetzung. Mit Metal-Style Marke Westcoast geben sich Deafheaven ab. Ben Frost bringt sogenannte Cinemascope-Soundscapes. Der aus Australien stammende experimentelle Minimalist lebt nun in Island, nennt Punk Rock sowie Black Metal als Einflüsse und wird gerne als Popstar der Ambient-Szene gefeiert (»Aurora«). Und mit Klara Lewis findet sich ein passender atmosphärischer Act mit Drones für den Abschluss-Tag des Festivals ein.

Klara Lewis: »Shine«

Fürwahr ein exzellentes Line-up, mit dem Thomas Edlinger in seinem Debütjahr aufwartet. Neben zugkräftigen, bewährten Acts finden sich zahlreiche entdeckenswerte Magnete im Festival-Programm, die komplette Programm-Liste gibt’s unter www.donaufestival.at

 


Text: Walter Pontis | 20.04.2017

Referenzen:

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