David Lipp: Eine Kryptographie der Liebe
Vertauschte Fälle, wirrer Satzbau, elektronische
Hymnen und viel Gefühl prägen David Lipps Debüt über den einen, immerwährenden
Topos der Popmusik: Liebe. Ein paar Ideen zum Thema, warum es doch gelingen
kann, ein ganzes Album dazu aufzunehmen, ohne im Kitsch-Sumpf umzufallen, und
warum Sylvester Stallone tolle Filme macht.
skug #63 | Text: Marko Markovic | Mon 6. Jun. 2005
»In immer: Love« ist nicht
mutig, denn dazu ist es zu bescheiden. Bei allen Vorbehalten gegenüber
pathetischem Stelldichein in alten Songwriterschulen entgeht genau dieses Album
den Fallen eines zu durchsichtigen, zu affirmativen oder zu abstrakten Zugangs
zur Liebe. »In immer: Love« ist vielmehr zurückgezogen, elegant und in höchstem
Maße euphorisch. Ein kleiner Edelstein, der Luftlinien zieht, Herzen vertauscht
und kindlich-verspielt um innerste Momente des eigenen Selbstverständnisses
kreist. »In immer: Love« fragt uns, warum wir die Liebe so brauchen, und
liefert selbst ein paar ganz unvermutete und zum Nachdenken anregende
Antworten. Ein Abstraktum, das weder entzaubert noch auslacht, sondern die
Gattung des Liebesliedes durch eine subtile Harmonie- und Sprachwandlung aus
dem selbstgebastelten Grab der romantischen Verklärung hebt. Das Verschlüsseln
offenbart und das Romantisieren erklärt Sozialtechniken, Gott und die Welt der
Rendezvous: »Zu Zweit ist nicht alleine. Alleine, das ist zu Zweit.«
Wie lange hast du an »In
immer: Love« gearbeitet? Wie war der Produktionsprozess? Begonnen habe ich im
September 2003; ganz fertig wurde die CD erst im Oktober 2004. Die
Herangehensweise war sehr intuitiv. Ich habe mich zum Keyboard gesetzt und
innerhalb von zwei Wochen beinahe die ganzen Lieder für das Album geschrieben. Gerade diese schnelle Art zu
arbeiten war das Schöne daran für mich; anfangs wusste ich auch noch gar nicht
wohin mich diese Lieder bringen würden; mir haben sie eben gefallen und nicht
mehr losgelassen. Dazu kommt, dass zu dieser Zeit gerade die Platte »Musik für
schöne Menschen« von den 4 Experimentellen die nur 2 sind fertig wurde, was
eine sehr langwierige und pingelige Produktion gewesen ist. Die Texte zu den
Liedern auf »In immer: Love« entstanden immer parallel zur Musik. Die restliche
Zeit habe ich schließlich mit dem Feinschliff (Arrangement, Mischung ...)
verbracht.
Der Sound auf dem Album
ist mit seinem minimalistisch-elektronischen Einschlag sehr fragil, aber
trotzdem nie zu brüchig. Sind die Loops und Synthie-Effekte Kollektionen alter
Schnipsel, die du mit dir herumgetragen hast, oder sind sie parallel zum Songwriting
und zu den Lyrics entstanden? Nein, die Loops sind das
Songwriting, das bedeutet: alles ist neu entstanden. Der Sound ist meine
persönliche Commodore 64-Referenz, hat auch was mit Sentimentalität zu tun. Ich
mag das Puristische an dem Sound. Einzig »Fallen in Love« habe ich auf der
Gitarre geschrieben, alle anderen Stücke am Keyboard, wo die Soundfrage auch
gleich Bestandteil des Songwritings war.
Besagtes »Fallen In Love« erfindet das Rad des Minnesangs
neu, ohne zu tief in der Klischeekiste zu wühlen.
Magst Du Kitsch? Das kommt für mich auf die
richtige Dosierung an und in welches Umfeld er eingebettet ist. Bei »Fallen in
Love« sind die Geigen der Kitsch, eingebettet in das Umfeld des Songs und
hierbei essenziell: Der Refrain braucht die nötige »Schmiere«; Streicher
stellen für mich auch immer etwas Großes dar, was den Ich-Erzähler des Liedes
wiederum armseliger aussehen lässt.
Wie kann die Sprache dabei
helfen, das tief sitzende Konzept der Liebe und des Gefühls anders zu
kontextualisieren, als es die Musik bisher tat? Warum ist das Spiel mit der
Sprache, das Vertauschen von Fällen und Artikeln so ein zentraler Bestandteil
der Lyrics? Hier stellt sich für mich die
Frage nach dem Verhältnis zwischen Text und Musik in der Popmusik. Ich finde,
dass die Musik wichtiger ist, weil sie direkter anspricht als der Text. Siehe
auch Poplieder, die man über lange Jahre kennt, sich aber erst sehr spät die
Lyrics durchliest und dann feststellen muss, wie viel man falsch verstanden
hat, weil der Text einfach nicht so wichtig war. Auf dem Album steht der Text
im Vordergrund, die Musik ist nur Stütze dafür. Durch diese Art von Text mache
ich mich angreifbar und verletzlich, weil ich Position bekenne, so wie auch die
»verliebte Person« immer das schwächere Glied in einer traurigen
Liebesgeschichte ist. Es ist ein Versuch mit Sprache das auszudrücken, was man
als verliebte Person empfindet (und dadurch wird); den sprachlich nicht
ausdrückbaren Rest muss die Musik übernehmen (z.B. durch die Streicher). Das Spiel mit grammatikalischen
und syntaktischen Fehlern bietet mir eine zusätzliche Möglichkeit an Ausdruck,
an Stimmungserzeugung, die zwischen den Zeilen mitschwingt. Es sind vielleicht
auch Stolpersteine für den Hörer. Der Ich-Erzähler wirkt durch diese Fehler
hilflos - er versucht sich selbst als den Besten darzustellen z.B.:
»Geschmäcker ist verschieden, nur mein Geschmack lehrt...« und wird dadurch nur
umso pathetischer.
Inwiefern spiegelt »In
immer: Love« deine persönliche Situation wider? Ist es deine »Abrechnung« mit
der Liebe? Oder dein privates Manifest dafür? Die Platte hat natürlich
einen persönlichen Hintergrund. Mit der Liebe als Thema in der Musik
beschäftige ich mich jedoch schon seit ich Lieder schreibe. In der Platte geht
es um das Vermissen einer nicht anwesenden Person. Und je länger diese vermisst
wird, desto mehr wird sie zu einer Illusion. Das ist der perfekte Liebeskummer,
da die zur Illusion gewordene vermisste Person niemals erreicht werden kann
(vgl. »Die Blaue Blume« in der Romantik) und auch nicht erreicht werden soll.
Würde sie erreicht, dann würde der Stern sehr schnell sinken, weil dann der
Alltag hinzukäme. Darum hören die Hollywood-Schmonzetten immer rechtzeitig,
zumindest nach dem ersten Kuss, auf. Je länger ich allerdings an
der Platte arbeitete, desto mehr bin ich zum Schluss gekommen, dass das Thema
nicht unbedingt Liebeslieder an eine ferne Person sind, sondern eine teilweise
recht kühle Selbstbeschreibung. Aus diesen Gründen ist die Platte nicht mein
privates Manifest über die Liebe, weil ich im Privaten schon auch gern ein
bisschen Wirklichkeit habe.
»Dirty Dancing« und »Over
The Top«, die beiden Filme, die du auf dem Album erwähnst, spiegeln gänzlich
unterschiedliche Lebenszustände wider. Hier Liebesromanze in den tanzwütigen
80ern, dort die zerrüttete Vater-Sohn-Story um den Kampf, der Beste zu sein.
Beide Filme stammen aus dem Jahr 1987. Warum gerade die beiden? Das hat wieder mit
Sentimentalität zu tun und natürlich finde ich »Over the Top« wirklich einen
tollen Film, weil er die großen Gefühle beim Namen nennt und weil er eine Art
Anleitung für ein rechtschaffenes Leben ist (auch wenn der böse Großvater
denkt, dass unser guter Silvester ein Loser ist). Das ist für mich ein Film bei
welchem man danach entweder Arm drücken geht oder sein Leben verändert. »Dirty
Dancing« mag ich als Film nicht so gern, den Soundtrack jedoch (vor allem
natürlich »(I've Had) The Time Of My Life« und »She's Like The Wind«) sehr.
Dass beide Filme aus demselben Jahr sind wusste ich gar nicht. Was diese beiden Filme für
mich verbindet: Sie scheuen sich nicht davor große Gefühle zu zeigen in einer
sehr direkten Art.
Die Brücke zwischen
Menschen ist impliziertes Thema deiner Songs. Liebe kann sie aufbauen. Liebe
kann, wenn sie zur »Vertauschung der Herzen« führt, selbige auch zum Einstürzen
bringen. Das Verhältnis vom Subjekt zur Liebe und zum Begehren ist ein seit
jeher schwer einzufangendes. Was war für dich die Motivation, so ein Album wie
»In immer: Love« aufzunehmen?Warum ist die Liebe das dringlichste der Themen,
die dich darauf beschäftigen? Wahrscheinlich weil die Liebe
ein so intensives Gefühl ist, in den ganzen Variationen und Facetten in denen
sie auftritt. Das Thema ist für mich sicherlich auch deswegen so interessant
weil ich meine eigenen Erfahrungen miteinbinden kann.
Und diese schöne Freiheit
bleibt einem als Zuhörerin und Zuhörer
auch. »In immer: Love« quetscht Momente, Sprachspiele und Synergien aus unserem
Unterbewusstsein nach oben, wo wir uns sonst nie trauen hinzuschauen. Die von
Jürgen Hofbauer in den Linernotes angesprochene »Subjektfungibilität« wird zur
Pathosfungibilität und eröffnet bisher unbekannte Orte eines elektronischen
Musikverständnisses, das den Pop-Song vergöttert, wie der Mensch die Liebe
selbst. Insofern ist »In immer: Love« das potenzielle private Manifest von uns
allen, die wir uns darauf einlassen. Den ersten Schritt dazu hat David Lipp
schon getan.
References
 skug - 63
 Niesom
 Marko Markovic
|